Von links nach rechts: Janina Tremmel, Hermine und Marietta Löhr. Foto: BKG
Wenn der Nachwuchs nicht zur Pflege kommt, kommt die Pflege in die Schule. Seit diesem Frühjahr besuchen angehende Pflegefachfrauen und -männer achte und neunte Klassen in Berliner Schulen und informieren über ihren Beruf, ihre Ausbildung und über Karrieremöglichkeiten. Die Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG) schult die Azubis verschiedener Träger als Ausbildungsbotschafter für die Pflege. Mit dem trägerübergreifenden Ansatz und der Bündelung der Expertise in Richtung Bildungssenat und Schulen ist das Konzept „Ausbildungsbotschafter für die Pflege“ bundesweit einzigartig.
Fünfzehn Jugendliche im Alter von 13 bis 15 Jahren sitzen in einem Klassenzimmer der Berthold-Otto-Gemeinschaftsschule in Berlin Lichterfelde. Draußen auf dem Schulhof spielen Erstklässler Fangen. Drinnen auf den Tischen der Jungen und Mädchen liegen Gegenstände: Drainagebeutel, Wundversorgungssets, Infusionsschläuche, Atemtrainer, eine Sauerstoffmaske, eine Patientenkurve, ein manuelles Blutdruckmessgerät und vieles mehr. Anstelle der Lehrerin stehen heute zwei junge Frauen in Klinikleidung vor der Klasse. Marietta Löhr und Janina Tremmel sind im zweiten Jahr ihrer Ausbildung zur Pflegefachfrau an den DRK Kliniken Berlin tätig. Statt Mathematik oder Englisch steht heute das Fach „Berufsorientierung und Berufswahl“ auf dem Stundenplan. Marietta Löhr und Janina Tremmel sind „Ausbildungsbotschafterinnen für die Pflege“ und heute bei ihrem ersten Einsatz. Die Berliner Krankenhausgesellschaft hatte die Idee zu den „Role Models“ für die Pflege im Rahmen ihrer Kampagne #PflegeJetztBerlin. Im März schulte sie acht Azubis von verschiedenen Krankenhausträgern: den Caritas-Kliniken, den DRK Kliniken Berlin, der Charité – Universitätsmedizin Berlin, den BG Unfallklinikum Berlin (ukb) und Park-Kliniken Berlin. Der Berliner Bildungssenat unterstützt die Ausbildungsbotschafter für die Pflege aktiv und bewirbt das Projekt über verschiedene Kanäle in den Schulen. Damit und mit dem trägerübergreifenden Ansatz hat das Projekt bundesweit Leuchtturmcharakter. Auch für die Azubis ist der Einsatz ein Gewinn. Sie stärken ihre persönlichen Kompetenzen und tragen aktiv zur Fachkräftesicherung bei. Langfristiges Ziel ist es, möglichst viele der ca. 30 000 Schülerinnen und Schüler zu erreichen, die in Berlin in der neunten Klasse ihr Pflichtpraktikum absolvieren, und ihnen einen echten Eindruck vom Pflegeberuf zu vermitteln.
Ganz nahbar und authentisch beantworten die Botschafter Fragen wie: Wie sieht der Arbeitsalltag aus? Was macht Spaß am Pflegeberuf? Bist Du zufrieden mit Deiner Entscheidung? Wie sehen die Karrieremöglichkeiten aus? Oder auch: Musst Du immer früh aufstehen? „Ausbildungsbotschafter bieten Berufsberatung auf Augenhöhe für Schülerinnen und Schüler. Pflege-Azubis aus unseren Trägereinrichtungen sind nah dran an der Lebenswelt der Jugendlichen und können die Vielfältigkeit des Berufs bestens vermitteln und niedrigschwellig erklären. Damit bekommt die Pflege den Platz an den Berufsorientierungstagen, der ihr zusteht“, so Projektkoordinatorin Juliane Ghadjar, die selbst ehemalige Intensivpflegefachfrau ist. „In Berlin fehlt Pflegepersonal: Allein für die Metropolregion sieht eine von der BKG in Auftrag gegebene Studie einen Bedarf an zusätzlichen 10 000 Pflegekräften bis 2030. Im letzten Jahr blieben in Berlin mehr als 1 000 der vorab als Bedarf gemeldeten Ausbildungsplätze unbesetzt. Wir müssen also beim Nachwuchs ansetzen. Die Nachfrage zu steigern ist unabdingbar für die Fachkräftesicherung und wichtiger Teil unserer Kampagne #PflegeJetztBerlin“, so Ghadjar.
Nachwuchswerbung auf Augenhöhe
Die #PflegeJetztBerlin-Ausbildungsbotschafter gehen auf ein Konzept der IHK Berlin zurück, die dieses Format bereits für die kaufmännischen Berufe anwendet. Das Konzept setzt in der Phase der Berufsorientierung junger Menschen an und gibt ihnen einen beispielhaften Einblick in verschiedene Berufe sowie eine Orientierung über die unterschiedlichen Möglichkeiten der Ausbildung. Das Ziel ist, mittels Peer-to-Peer1)-Ansprache ein realistisches Berufsbild darzustellen, Vorurteile abzubauen und spätere Ausbildungsabbrüche zu minimieren.
Für die Pflege ist das wichtig, denn Klischees und falsche Bilder führen oft zu unechten Vorstellungen bei den jungen Menschen. Bevor die BKG das Projekt „Ausbildungsbotschafter für die Pflege“ im Rahmen ihrer Kampagne #PflegeJetztBerlin startete, war der Pflegeberuf bei den berufsorientierenden Maßnahmen der Schulen deutlich unterrepräsentiert. Die Nachfrage nach erweiterten Berufsorientierungsangeboten an den Schulen ist jedoch groß und aus der Schülerschaft wird ein zunehmendes Interesse am Pflegeberuf mitgeteilt. Diese nicht zu unterschätzende Lücke wird in Berlin bislang nicht bedient. Doch das ist wichtig. Denn das Problem fehlenden Nachwuchses ist längst in allen Branchen angekommen und so reiht sich der Pflegeberuf neben den Handwerks-, Gastronomie-, IT- und den sogenannten MINT-Berufen2) ein in die Berufe mit gravierender Fachkräftelücke und steht somit längst in Konkurrenz um das Werben um den Nachwuchs.
Die Ausbildungsbotschafter möchten auch das Ansehen des Pflegeberufs in der Öffentlichkeit steigern. Die Begeisterung für ihre Ausbildung geben Marietta Löhr und Janina Tremmel heute weiter. In einer ansprechenden Präsentation liefern sie wichtige Infos. Für die Schülerinnen und Schüler, die sich demnächst für ein Pflichtpraktikum bewerben möchten, besonders interessant sind die Fragen: Ist es auch möglich, ein Praktikum auf der Kinderstation zu machen? Sind die Prüfungen in der Ausbildung schwer? Wo bewerbe ich mich? Habe ich auch zu tun mit Ausscheidungen und dem Tod? Wieviel verdiene ich nach der Ausbildung? „Als Auszubildende sind wir nah dran an den Schülern. Wir können uns mit ihrer Sichtweise identifizieren und verstehen ihre Ängste, weil wir dieselben Sorgen hatten“, sagt Marietta Löhr. „Unser erster Tag auf Station ist erst ein Jahr her. Weil wir noch so nah an den Schülern dran sind, können wir einen sehr realistischen Einblick in die Ausbildung geben.“ Janina Tremmel gefällt, dass im Pflegeberuf keine Routine aufkommt. „Ich finde den Beruf so toll, dass ich sogar schon unter Freunden für eine Ausbildung bei uns geworben habe. Ich glaube, dass ich diese Begeisterung gut rüberbringen kann.“
Die Begeisterung der beiden steckt tatsächlich an. Das gesamte Klassenzimmer lauscht gespannt ihren Ausführungen. Als die Schüler raten sollen, welche Gegenstände vor ihnen liegen, schnellen mehrere Finger nach oben. Die Jugendlichen wissen erstaunlich gut Bescheid über Spritze und Co., vielleicht auch, weil teilweise Familienmitglieder in Pflegeberufen arbeiten. So wie der 14-jährige Lucas, dessen Oma Intensivkrankenschwester war und dessen Mutter MFA, also Medizinische Fachangestellte ist. „Schon als ich klein war, hat mir meine Oma regelmäßig Geschichten aus dem Krankenhaus erzählt. Ich finde es interessant Verletzungen zu begutachten und zu analysieren. Und ich finde die Entwicklung in der Medizin spannend.“
Gute Argumente für die Pflege
Es gibt viele Argumente für eine Ausbildung als Pflegefachfrau oder Pflegefachmann: Ein Job, der nie langweilig wird, eine sinnstiftende Tätigkeit mit viel Verantwortung, eine Arbeit mit sicherer Perspektive. In den letzten Jahren wurde auch die Ausbildungsvergütung in der Pflegeausbildung deutlich angepasst. Die Pflegeausbildung ist mittlerweile eine der am besten vergüteten Ausbildungen in Deutschland.3) Mit der Reform der Ausbildung zur Pflegefachfrau beziehungsweise zum Pflegefachmann wurden 2020 die bis dahin getrennten Ausbildungen in den Berufen Gesundheits- und Krankenpfleger, Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger sowie Altenpfleger zur generalistischen Pflegeausbildung zusammengeführt. Damit haben die Absolventinnen und Absolventen bessere Chancen, einen zu ihren Fähigkeiten und Neigungen passenden Arbeitsplatz zu wählen und es bieten sich bessere Karriereoptionen, im Laufe des Berufslebens in andere Bereiche der professionellen Pflege zu wechseln. Generell soll dies die Attraktivität des Pflegeberufes stärken.
Ein möglicher Arbeitsplatz auch für Lucas? Jetzt unterstützt der Schüler die beiden Ausbildungsbotschafterinnen beim Blutdruckmessen. Gemessen wird manuell nach alter Schule mit Blutdruckmanschette und Stethoskop. Klar, dass heute digitale Technik zum Einsatz kommt und auch kaum noch händisch dokumentiert wird. Dennoch, das Prinzip hinter dem manuellen Blutdruckmessen ist Teil der Ausbildung. „Das ist aber nicht alles!“, betonen die Botschafterinnen. Pflege ist mehr als das Erlernen von Fertigkeiten. Ein großer Fokus liegt während der Ausbildung auf Kommunikation, ethischem Handeln und dem ‚Lesen‘ von Veränderungen an Patienten beziehungsweise Bewohnern. Der Hautzustand, das Orientierungsvermögen oder Anzeichen für Krisen müssen genau beobachtet werden. Denn der Aufenthalt in einem Krankenhaus ist für die meisten Patienten ein Ausnahmezustand. Menschen zu unterstützen, das ist auch der 14-jährigen Hermine wichtig. Ihre Oma und Uromas waren Krankenschwestern. Hermine selbst möchte ein Praktikum auf einer Kinderstation machen. „Am besten finde ich Kinderkrankenpflege, weil ich es gerne mag, mich mit Kindern zu unterhalten und Kindern zu helfen. Generell möchte ich gerne Menschen helfen.“
Nächstes Ziel: Praktikum
Das Engagement der beiden angehenden Pflegefachfrauen zeigt Wirkung: von den heute besuchten insgesamt 40 Schülerinnen und Schülern fragen acht Jugendliche im Anschluss gezielt nach Praktikumsmöglichkeiten. Hermine und Lucas sind auch dabei. „Ich finde es gut, dass auch andere verstehen, dass der Job mehr bedeutet, als Leuten Medikamente zu geben und Verbände zu wechseln. Ich möchte gerne ein Praktikum entweder auf einer ‚normalen‘ Station oder in der Intensivpflege machen. Altenheim oder Hospiz wäre nichts für mich“, berichtet der Schüler nach dem Einsatz der Botschafterinnen. Seine Lehrerin Birgit Ziervogel ist Koordinatorin für Berufsorientierung und vom Konzept der Ausbildungsbotschafter überzeugt: „Ich würde allen Schulen mit Betriebspraktika für Schüler der neunten und zehnten Klassen empfehlen, Kontakt mit der Berliner Krankenhausgesellschaft aufzunehmen. Möglichst viele Schüler sollten die Möglichkeit haben, mit Hilfe der Berichte von Ausbildungsbotschaftern selbstständig eine Entscheidung über ein Praktikum in der Pflege zu treffen. Besonders toll fand ich übrigens die vielen praktischen Beispiele, die die beiden Azubis mitgebracht haben!“, lobt die Lehrerin den Aufbau der Veranstaltung.
Noch einmal geht eine Hand nach oben. Aber auch mit dieser Frage war zu rechnen und sie macht deutlich, dass die geäußerte Befürchtung eng mit dem derzeitigen Image des Pflegeberufes verknüpft ist: „Stimmt es, dass man aufgrund des Personalmangels immer unterbesetzt arbeiten muss?“
Die Antwort der Botschafterinnen kommt von Herzen: „Wir Auszubildende müssen nie allein ohne Begleitung arbeiten, aber es stimmt, dass wir zu wenige Kollegen und Kolleginnen haben und wir mehr Nachwuchs für die Pflege brauchen. Deshalb sind wir heute hier, weil wir euch einen kleinen Einblick in unsere Ausbildung zeigen und mitgeben wollen, dass der Pflegeberuf ein sehr abwechslungsreicher, superwichtiger, sinnerfüllter Beruf mit sicherer Jobperspektive ist.“
Die Berliner Krankenhausgesellschaft vermittelt die Ausbildungsbotschafter und -botschafterinnen an interessierte Schulen. Das berlinweit einzigartige Konzept der „Ausbildungsbotschafter“ ist ein wichtiger Meilenstein, um mehr Nachwuchs für die Pflege zu gewinnen und wird von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie unter anderem bei der Bekanntmachung in den Schulen und beim Ausbau von wichtigen Netzwerkkooperationen unterstützt.
Weitere Informationen finden Sie im Flyer „Ausbildungsbotschafter/-innen für die Pflege“.
Anmerkungen
1) „Menschen sind Peers zueinander, wenn sie auf einem ähnlichen kognitiven und soziomoralischen Entwicklungsstand stehen, gegenüber Institutionen und ihren Repräsentanten (zum Beispiel Schule) eine gleiche Stellung einnehmen, gleiche Entwicklungsaufgaben und normative Lebensereignisse (zum Beispiel Ausbildung) zu bewältigen haben und einander im Wesentlichen gleichrangig und ebenbürtig sind“ (vergleiche Viernickel, S. (2006): Zur Bedeutung der Peerkultur. In: Fried, L./Roux, S. (Hrsg.): Pädagogik der frühen
Kindheit. Weinheim: Beltz, S. 66).
2) MINT ist eine Abkürzung und steht für die Anfangsbuchstaben der Fachbereiche: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.
3) Ver.di (2022): Ausbildungsreport Pflegeberufe, 2021, abrufbar: https://gesundheitsozialesbildung. verdi.de/themen/reform-derpflegeausbildung/++co++be127818-4a1a-11ed-8d35-001a4a160111
Anschrift der Verfasserinnen
Juliane Ghadjar, Kampagnenkoordinatorin #PflegeJetztBerlin/Annika Seiffert, Pressesprecherin der Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG), Berliner Krankenhausgesellschaft e. V., Hallerstraße 6, 10587 Berlin
Über die Kampagne #PflegeJetztBerlin
Die Berliner Krankenhausgesellschaft hat #PflegeJetztBerlin bereits im Jahr 2019 als strukturierte und auf Dauer angelegte Initiative zur Pflegestärkung ins Leben gerufen und seitdem mit vielen Partnern und eigenem Kampagnenteam vorangetrieben (www.pflegejetztberlin.de). Auf Grundlage von Studienergebnissen, die einen zusätzlichen Bedarf von 10 000 Pflegekräften für die Metropolregion bis zum Jahr 2030 belegen, entwickelte die Kampagne einen Zehn-Punkte-Plan zur mittel- und langfristigen Gewinnung von mehr Pflegekräften. Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sind auf ausreichend viele und zufriedene Pflegende angewiesen. Der bisherige Stand der Verbesserungen wird nicht ausreichen, um angesichts des demografischen Wandels und der wachsenden Stadt, Versorgung auf Dauer zu sichern. Mit diesem Ziel bündelt die Kampagne zahlreiche Projekte und entwickelte Einzelmaßnahmen zu Schwerpunkten, wie beispielsweise Erhöhung der Ausbildungszahlen, Wiedergewinnung der „stillen Reserve“, Integration ausländischer Fachkräfte, Abbau von Bürokratie, Verbesserung der Arbeitsbedingungen.
Mit den Projekten und durch den Erfahrungsaustausch sollen Pflegekapazitäten in Berlin insgesamt gestärkt und verbessert werden. Mit einer breiten Kommunikation über die Website und den Newsletter werden die Maßnahmen der Berliner (Pflege-)Öffentlichkeit zugänglich gemacht und das ernsthafte, strukturelle Arbeiten an der nachhaltigen Verbesserung der Pflegesituation in der Metropolregion dokumentiert. Mit der Sammlung guter Beispiele wird eine wachsende Bibliothek guter Pflegeprojekte angelegt. Damit entsteht ein wertvoller Multiplikationseffekt. Know-how und Erfahrungen der Kampagne und ihrer beteiligten Organisation sind unbeschränkt für Dritte verfügbar und können von Interessierten in weiteren Einrichtungen ebenso umgesetzt werden. Von dieser Art der Pflegestärkung profitieren alle Beteiligten in Berlin und darüber hinaus.