Thema des Monats

Optimierte Prozessqualität durch digitalen Operationssaal


Prof. Dr. Daniel Kendoff, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Helios-Klinikum Buch, im künftigen digitalen OP-Saal. Foto: Kotlorz

Das Helios-Klinikum in Buch baut ein ambulantes OP-Zentrum und digitalen OP

Die Klinikreform der Bundesregierung ist im Helios Klinikum in Berlin-Buch quasi schon in Beton gegossen. Direkt vis-à-vis zum bisherigen OP-Trakt mit 21 Sälen entsteht an dem 1 100-Betten-Maximalversorger in Pankow derzeit ein Neubau an der Schwanebecker Chaussee 50. Mit dem viergeschossigen Gebäudekomplex mit einer Fläche von 4 200 Quadratmetern wird genau das umgesetzt, was der Gesetzgeber beispielsweise mit der Klinikreform intendiert hat: Ambulantisierung, Spezialisierung, Digitalisierung. Möglich wird dies durch modernste Infrastruktur und innovative Technologien. Spatenstich war im Herbst 2022. Jetzt steht der Rohbau. Eröffnung ist für Januar 2026 geplant.

Das untere Stockwerk ist eigens für ambulante Patienten vorgesehen, die dann gar nicht mehr in das Hauptgebäude des Helios-Klinikums gehen müssen, sondern nur noch in dem ambulanten OP-Zentrum aufgenommen, behandelt und wieder entlassen werden. Um diesen Ansprüchen gleich baulich gerecht zu werden, ist ein extra Parkplatz für diese Patienten direkt vor dem ambulanten OP-Zentrum vorgesehen. In einem großen Aufnahmebereich werden die Patienten empfangen. Vier OP-Säle mit einer Raumluftklasse 1 stehen dann ausschließlich für diese ambulanten Eingriffe zur Verfügung. In mehreren Einzelzimmern können die ambulant behandelten Patienten in Ruhe und in ungestörter Atmosphäre wach werden, aufstehen, sich anziehen und wieder gehen. In dem ambulanten OP-Zentrum sollen Klinikärzte und ambulante Mediziner parallel tätig werden. „Mit dem Bau eines neuen ambulanten OP-Zentrums können wir unsere stationären OP-Kapazitäten erhöhen, denn bislang finden auch viele ambulante Eingriffe in unserem Zentral-OP statt. Hiervon profitieren nicht nur unsere Ärztinnen und Ärzte, sondern auch die Kolleginnen und Kollegen aus der Poliklinik sowie externe Ärztinnen und Ärzte“, sagt Carmen Bier, Klinikgeschäftsführerin des Helios-Klinikums in Berlin-Buch.

Das Baukonzept setze zudem auf Gemütlichkeit und verzichte auf einen großen Aufwachraum, so Bier: „Um unseren Patientinnen und Patienten nach ihrem ambulanten Eingriff mehr Privatsphäre zu bieten, haben wir uns bewusst für den Bau von Einzel- und Zweibettzimmern zum Aufwachen entschieden.“

Im ersten Stock des Rohbaus befindet sich der neue Arbeitsplatz von Prof. Dr. Daniel Kendoff, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Helios-Klinikum Buch. Der 50 Quadratmeter große Operationssaal wird digitaler OP mit Robotik werden, somit OP der Zukunft. Zu erkennen ist der Fortschritt und dass hier bald viel Technik den Menschen die Arbeit erleichtern soll bislang nur an den vielen dicken Kabeln, die von der Decke baumeln. Volkswirtin Carmen Bier freut sich schon darauf, wenn sie dank Technik und Digitalisierung Daten im OP messen und vergleichen kann. „Wir wollen Daten erheben, um die Prozessqualität zu verbessern: Wie lange braucht Prof. Kendoff für eine Knie-TEP und wie lange brauchen andere Operateure dafür? Sind wir in einer normalen OP-Zeit-Range? Gibt es Komplikationen?“ Alle diese Fragen sollen, so Bier, durch Technik beantwortet werden. Das Ziel: der OP soll optimal genutzt werden. Dafür muss der Saal mit Kameras und Sensoren ausgestattet werden, die alles filmen und erfassen, dokumentieren und vergleichen, was in dem Raum passiert. Der Hightech-Saal dient auch Schulungszwecken. In einem angrenzenden Konferenzraum können Studenten live die OP auf einem Bildschirm verfolgen, ohne im Saal direkt dabei sein zu müssen und den Patienten allein durch ihre Anwesenheit unnötig zu gefährden (Hygiene). 

„Wir wollen so kurze Wechselzeiten wie möglich“, sagt Bier. Im Idealfall erkennt das IT-System schon automatisiert während der OP, zu welchem Zeitpunkt bereits der nächste Patient auf Station benachrichtigt werden kann, damit dieser dann pünktlich zu seiner OP im Saal erscheint und im OP-Saal keine Pausen entstehen. Selbst die Kommunikation innerhalb des OP-Teams wird dadurch auf das Notwendigste reduziert. Kendoff hält die Prothese, die er implantieren will, vor eine Kamera und das Implantat wird sofort im OP-Bericht und in allen nachfolgenden Dokumenten wie Arztbericht, Implantateregister, Entlassbrief etc. vermerkt. Die Technik erkennt, ob Implantate nachbestellt werden müssen. Im Idealfall merkt das automatisierte System auch, ob der Operateur gerade die linke mit der rechten Prothese verwechselt und alarmiert. Auf großen Bildschirmen werden alle Daten im OP und im benachbarten Konferenzraum für alle transparent angezeigt. „Duch die Automatisierung kann sich der Operateur viel besser auf die OP fokussieren“, sagt Kendoff. Bisher seien OP-Schwestern oder Operationstechnische Assistenten (OTA) zum Beispiel damit beschäftigt zu dokumentieren, welche Implantate der Operateur benutzt, ob der nächste Patient bestellt werden kann, ob Implantate nachbestellt werden müssen etc. Diese händische Arbeit während des Eingriffs könne den Operateur und sein Team von dem Patienten ablenken.

„Man hat durch die technische Unterstützung mehr Zeit für den Patienten“, sagt Bier. „Uns geht es um den Abbau von Tätigkeiten, die nicht am Patienten stattfinden wie Dokumentation, Nachbestellung von Sieben und Implantaten, Kommunikation mit dem Steri.“ Verbrauchte Siebe, die sieben Kilogramm und mehr wiegen können, sollen künftig nicht mehr von OP-Schwestern getragen werden, sondern von Robotern automatisiert abgeholt und in die Sterilisation transportiert werden.

Die Technik sei nur eine Unterstützung, unterstreicht Bier. Die Verantwortung bleibt beim Operateur. Wird die Klinik gehackt, muss das Klinikteam auf altbewährte händische Systeme zurückgreifen.

Der digitale OP ist zunächst wissenschaftliches Studienobjekt. In dem Saal sollen zuerst nur Hüft- und Kniegelenke implantiert, Sprunggelenks-, Oberarmkopf- oder Schenkelhalsfrakturen operiert werden, weil diese Eingriffe gut skalierbar und automatisierbar seien.

Kendoff leitet die Fachgruppe Orthopädie/Unfallchirurgie im Helios-Konzern. Wenn er künftig neue Implantate im digitalen OP-Saal einsetzt, können sich alle anderen 80 Helios-Chefärzte für Orthopädie in Deutschland an ihren Bildschirmen zuschalten und die OP live verfolgen.

Andreas Lockau, Abteilungsleiter IT und Medizintechnik bei den Niels-Stensen-Kliniken in Osnabrück sowie Vorstandsvorsitzender im Bundesverband der Krankenhaus IT-Leiterinnen/Leiter KH-IT schätzt, dass in Deutschland weniger als 10 % aller Kliniken über einen solchen prozessoptimierten Operationssaal verfügen.

Eine weitere Klinik mit digitalem OP dürfte das Universitätsklinikum Essen sein, das bereits im Jahr 2021 über einen „Meilenstein modernster Chirurgie“ berichtete. Die Klinik für Neurochirurgie und Wirbelsäulenchirurgie am UK Essen eröffnete am 6. September 2021 ihren hochmodernen und innovativen OP-Saal, der auf „Digitalisierung total“ setzt. Die Geräte seien digital miteinander verbunden und lieferten dem operierenden Chirurgen durch ständige Interaktion wertvolle intraoperative Erkenntnisse zum Fortgang seines jeweiligen Eingriffs.

„Das ist medizinische Spitzentechnologie auf höchstem Niveau. Davon werden wir auch in der Forschung und in der Lehre besonders profitieren, gerade bei der Ausbildung unserer jungen Medizinerinnen und Mediziner“, sagte damals Prof. Dr. Jan Buer, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und Vorstand des Universitätsklinikums Essen.

Ein robotergestütztes Röntgengerät liefere neben klassischen Röntgenaufnahmen auch Schnittbilddiagnostik sowie die Diagnostik von Gefäßen mit hochauflösenden Bildern. OP-Tisch und Röntgenroboter seien digital gekoppelt, so dass jederzeit und in jeder Position eine intraoperative und individuelle Bildgebung möglich sei. Neben dieser intraoperativen Röntgendiagnostik stehe eine neuronavigierte Ultraschalluntersuchung bereit, die die intraoperative Beurteilung eines Operationsschrittes möglich macht.

Die Installation werde durch eine digitale Plattform einer Navigationseinheit unterstützt, die die Bilddaten für den Operateur nahezu in Echtzeit auf Bildschirmen sichtbar mache. Bilddaten könnten im smarten OP-Saal zudem in einer „virtuellen Realität“ mit einer dreidimensionalen Brille sichtbar gemacht werden.

Die gesamte Installation sei mit einem zweiten digital unterstützten Roboter gekoppelt, der dem Operateur zusätzliche Sicherheit und erhöhte Präzision ermögliche, beispielsweise bei der Planung und minimalinvasiven Platzierung von Schrauben in der Wirbelsäulenchirurgie oder bei Biopsien von hirneigenen Prozessen.

Tanja Kotlorz