BU: Dr. Gert Bischoff ist Facharzt für Innere Medizin mit der Zusatzbezeichnung Ernährungsmedizin. 2007 wurde er zum Oberarzt der Klinik für Innere Medizin I – Gastroenterologie, Hepatologie, Onkologie und Allgemeine Innere Medizin des Krankenhaus Barmherzige Brüder München berufen. Er ist seit 2014 Ärztlicher Leiter des Department ZEP (Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention) am Krankenhaus Barmherzige Brüder München. Foto: DGEM
Im Gespräch mit Dr. Gert Bischoff, Präsident der der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM)
Das Thema Essen hat derzeit Hochkonjunktur. Welche Rolle spielt die Ernährung für die Genesung?
Im Krankenhaus geht es vor allen um die Ernährungstherapie. Dabei spielt die krankheitsbezogene Mangelernährung eine große Rolle. Viele Menschen beispielsweise in der Onkologie, in der Geriatrie oder in der Viszeralchirurgie haben schon durch ihre Grunderkrankung eine Mangelernährung erfahren. Wenn wir mit der Ernährungstherapie die Mangelernährung beheben, haben wir deutlich bessere Verläufe und kürzere Verweildauern. Nicht zuletzt gibt es deutlich weniger Komplikationen und eine geringere Sterblichkeit. Auch bei kardiovaskulkären Erkrankungen, die mit erhöhtem Blutdruck und erhöhten Blutfettwerten einhergehen, lässt sich die Sterblichkeit deutlich senken. Es gibt viele Felder, auf denen die Ernährungstherapie im Krankenhaus erheblich zur Genesung beitragen kann.
Viele insbesondere ältere Patienten leiden an Mangelernährung, andere an Adipositas. Wird dieses Phänomen wahrgenommen in den Krankenhäusern?
Leider wird Mangelernährung häufig übersehen. Sinnvollerweise sollten alle Patienten, die in einem Krankenhaus oder einem Pflegeheim aufgenommen werden, einem Screening unterzogen werden, beispielsweise nach dem Nutritional Risk Screening (NRS 2002). So gibt es beispielsweise sarkopene Adipositas: Sie betrifft Patienten, die über sehr geringe Muskelmasse verfügen trotz Übergewicht. Diese Patienten werden ohne systematisches Screening oft gar nicht als mangelernährt erkannt.
Ist die Mangelernährung ein großes Problem?
Die krankheitsbedingte Mangelernährung ist ein medizinisch und ökonomisch hochrelevantes Problem. Ein Drittel der Menschen, die im KH aufgenommen werden, haben krankheitsbezogene Mangelernährung. Bei über 17 Millionen Behandlungsfällen insgesamt können wir davon ausgehen, dass dadurch Kosten von 5-8 Mrd. € im Jahr für unser Gesundheitssystem verursacht werden. Außerdem würde ein flächendeckendes systematisches Screening mit entsprechender Therapie etwa 50 000 vermeidbare Todesfälle pro Jahr tatsächlich verhindern.
Wie gehen Sie in Ihrer Klinik der Barmherzigen Brüder mit dem Thema Ernährung um?
Wir gehören zu den wenigen Krankenhäusern, die ein Ernährungsteam aus Ernährungsmedizinern und Ernährungsfachkräften haben. Leider verfügen nur etwa 10 bis 12 % der deutschen Kliniken über eine solche personelle Infrastruktur. Wir, also das Krankenhaus Barmherzige Brüder München, sind schon lange zertifiziert als Schwerpunktklinik für Ernährungsmedizin. Es gibt offizielle Zertifizierungsmöglichkeit wie etwa Nutrizert, eine industrieunabhängige Zertifizierungsplattform. Dort können sich Krankenhäuser und Klinikabteilungen zertifizieren lassen, die besondere Expertise im Bereich Ernährungsmedizin haben. Dazu gehört aber nicht nur die Ernährungstherapie. Für die Zertifizierung muss eine Verzahnung zwischen Ernährungstherapie, Küche und Speiseversorgung sichergestellt sein. Dazu gehört auch eine regelmäßig zusammentreffende Ernährungskommission mit Vertretern aus Ernährungsteam, Ärzteschaft, Pflege, Verwaltung und Küche.
Gibt es eine systematische Erfassung des Ernährungsstatus der Patienten - Bei Ihnen in der Klinik und an anderen Häusern?
Patienten, die aufgenommen werden, werden automatisiert durch Pflegekräfte vor-gescreent mit dem NRS 2002. Wenn dieses Vor-Screening positiv ausfällt, wenn es also Hinweise auf Mangelernährung gibt, wird automatisch über unser Krankenhaus-Informationssystem das Ernährungsteam einbezogen und ein Konzil gebildet. Das Ernährungsteam geht dann zum Patienten, macht ein Ernährungsassessment und leitet die Ernährungstherapie ein.
Welches sind die Ziele des Zentrums für Ernährungsmedizin und Prävention?
Das Zentrum ist Teil unseres Krankenhauses. Dazu gehört ein stationäres Ernährungsteam, das die Patienten im Krankenhaus betreut, als auch ein großer ambulanter Bereich. Während wir uns im stationären Bereich vor allem mit dem großen Thema der krankheitsspezifischen Mangelernährung beschäftigen müssen, haben wir im ambulanten Bereich viele Menschen mit Adipositas, mit Stoffwechselerkrankungen und gastroenterologischen Erkrankungen, die im Sinne eines umfassenden Ernährungsmanagements unterstützt werden. Auch die Prävention spielt eine große Rolle: Wir unterstützen Unternehmen beim Aufbau eines betrieblichen Gesundheitsmanagements und gehen in Kitas und Schulen.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) hat 2022 Qualitätsstandards für die Verpflegung in Kliniken veröffentlicht. Wie ist Ihre Bilanz: Werden sie ausreichend erfüllt?
Das geht in der öffentlichen Berichterstattung ein wenig durcheinander. Wir haben auf der einen Seite die Ernährungsmedizin, die zur Anwendung kommt, wenn wir eine Erkrankung ernährungstherapeutisch angehen wollen. Das wird von Laien oft verwechselt mit dem Thema Krankenhausküche. Das ist ein Missverständnis, weil es darauf reduziert wird, dass das Essen gut schmecken soll, und am besten soll alles möglichst nachhaltig sein. Das ist aber nicht gemeint, wenn wir von Ernährungsmedizin oder Therapie sprechen. Es ist nur ein Baustein davon.
Es gibt keine allgemeingültigen Daten zur Qualität der Krankenhausküche. Das Problem ist, dass man immer wieder von den Krankenhäusern erwartet, dass sie möglichst regional, saisonal, bio und vegetarisch kochen sollen, aber gleichzeitig keine zusätzliche Finanzierung dafür zur Verfügung stellt.
Wie ist das Konzept der Ernährungsmedizin finanzierbar angesichts der knappen Budgets für Ernährung und Verpflegung in den Kliniken?
Das DRG-System bietet in begrenztem Umfang die Möglichkeit ernährungsmedizinische Leistungen abzubilden. Zudem gibt es seit 2024 die sog. Qualitätsverträge beispielsweise für den Bereich der Mangelernährung. Diese bieten qualifizierten Krankenhäusern die Möglichkeit mit Krankenkassen Verträge zur Verbesserung der ernährungsmedizinischen Versorgung zu schließen – inklusive einer entsprechenden Finanzierung. Die Krankenhausküche ist ein anderes Thema: Die meisten Klinikküchen würden wahrscheinlich gerne anders kochen, als sie es momentan tun, aber der Wareneinsatz pro Patient und Tag liegt in Deutschland irgendwo um die 6-8 € pro Patient für alle Mahlzeiten, und da ist es dementsprechend schwierig, die DGE-Standards umzusetzen. Es wäre schön, wenn dies immer zu 100 % gelänge. Das Problem ist schlicht die mangelnde Finanzierung.
Welche Rolle spielt die Ernährungsmedizin in der Ärztlichen Aus- bzw. Fortbildung?
Es fehlt in den meisten Kliniken bis heute an strukturell etablierter Ernährungskompetenz. Um die Situation zu verbessern, müssen wir die Ernährungsmedizin auch in der ärztlichen Aus- und Weiterbildung stärken. Die DGEM hat jetzt ein Mustercurriculum publiziert - als Vorschlag, wie Ernährungsmedizin flächendeckend an deutschen Universitäten als Wahlpflichtfach gelehrt werden sollte. Wir schlagen beispielsweise eine zwölfteilige Vorlesungsreihe vor mit den wichtigsten ernährungsmedizinischen Themen und der ernährungsmedizinischen Therapie. Damit geht die Fachgesellschaft auf alle deutschen Universitäten zu, in der Hoffnung, dass diese es in ihre studentische Ausbildung implementieren.
Das Gespräch führte Katrin Rüter, Chefredakteurin