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Thema des Monats

Interoperabilität als Infrastrukturfrage


Foto: fotolia

Warum Deutschland eine nationale KI-Strategie für Krankenhäuser braucht

Fragmentierte IT-Landschaften behindern KI-Integration systematisch. KI-Anwendungen im Krankenhaus scheitern in Deutschland weniger an Algorithmen als an fragmentierten IT-Systemen und fehlender Interoperabilität. Der Beitrag analysiert den Stand der Standardisierung, bewertet Instrumente wie ISiK, ePA und EHDS und zieht Lehren aus internationalen Gesundheitssystemen. Ohne koordinierte Strategie, verbindliche Standards und gesicherte Finanzierung bleibt KI ein Leuchtturmprojekt. Ein gesundheitspolitisches Plädoyer für bundesweite Standards, koordinierte Investitionsstrategien und die Rolle der Krankenhausgesellschaften bei der Schaffung interoperabler Infrastrukturen.

Ein Universitätsklinikum kauft ein KI-System zur Sepsisfrüherkennung. Im Testbetrieb liefert es beeindruckende Ergebnisse. Doch auf Station scheitert es an einer banalen Hürde: Die Labordaten kommen aus einem System mit proprietärem Format. Die Vitalparameter aus dem Monitoring sprechen einen anderen Standard. Die Medikationsdaten aus der Apothekensoftware lassen sich gar nicht automatisch einlesen. Am Ende tippt eine Pflegekraft Werte per Hand ein. Das KI-System arbeitet mit veralteten, lückenhaften Informationen und verliert genau die Schnelligkeit, für die es angeschafft wurde.

Diese Szene ist kein Einzelfall. Sie ist Alltag in deutschen Krankenhäusern. Während die gesundheitspolitische Debatte regelmäßig auf die Leistungsfähigkeit von KI-Algorithmen fokussiert, liegt das eigentliche Problem eine Ebene tiefer: Die IT-Systeme in den Häusern können nicht miteinander reden. Die gematik, zuständig für die Digitalisierung des Gesundheitswesens, beschreibt die Lage auf ihrem Fachportal unmissverständlich: Die Systemlandschaft sei so heterogen, dass schneller und medienbruchfreier Datenaustausch vielfach verhindert werde. Die aktuelle Realität sei noch weit von der gewünschten Interoperabilität entfernt.1)

Wo deutsche Krankenhäuser stehen

Die zweite Erhebung des DigitalRadar Krankenhaus, veröffentlicht im Januar 2025, macht das Ausmaß greifbar. Der durchschnittliche Digitalisierungswert stieg zwar von 33 auf 42 von 100 möglichen Punkten.2) Das klingt nach Fortschritt. Aber 92 % der deutschen Krankenhäuser stehen weiterhin auf den beiden untersten von sieben Digitalisierungsstufen. Kein einziges deutsches Haus erreicht die beiden höchsten.3)

Besonders alarmierend ist die Kluft zwischen großen und kleinen Häusern. Maximalversorger, also Universitätskliniken und große Schwerpunktkrankenhäuser, kommen im Schnitt auf 51,9 Punkte. Grundversorger, die große Mehrheit der deutschen Kliniken, liegen bei 38,3.2) Auch regional zeigt sich ein Gefälle: Berlin führt mit 47,7 Punkten, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein liegen bei 37,8.2)

Für KI bedeuten diese Zahlen: Selbst dort, wo ein Algorithmus technisch funktionieren würde, fehlt in den meisten Häusern die Infrastruktur, um ihn mit den nötigen Daten zu versorgen. Ein Sepsis-Frühwarnsystem braucht Labordaten, Vitalparameter und Medikationsinformationen gleichzeitig und in Echtzeit. Wenn diese Daten in drei verschiedenen Systemen liegen, die nicht miteinander kommunizieren, hilft der beste Algorithmus nichts.

Dass dieses Problem nicht theoretisch ist, zeigt ein Fall aus den USA: Ein kommerzielles Sepsisfrühwarnsystem, das an Hunderten von Kliniken eingesetzt wurde, übersah bei einer unabhängigen Überprüfung zwei Drittel aller Sepsisfälle.4) Es hatte im Labor gut funktioniert, unter realen Bedingungen mit anderen Datenstrukturen und Patientenpopulationen versagte es.

Standards: Der richtige Weg, zu langsam beschritten

Deutschland hat reagiert. Seit Sommer 2021 dürfen Krankenhäuser nur noch IT-Systeme einsetzen, die von der gematik bestätigt wurden. Das Programm heißt ISiK (Informationstechnische Systeme in Krankenhäusern) und verpflichtet Hersteller von Krankenhausinformationssystemen, ihre Software mit standardisierten Schnittstellen auszustatten. ISiK baut auf dem internationalen Standard HL7 FHIR auf, der weltweit als Grundlage für den Austausch von Gesundheitsdaten gilt.5)

Die Idee ist richtig. Wenn alle Systeme die gleiche Sprache sprechen, können Labordaten, Bildgebung und Medikationspläne endlich zusammenfließen. In der Praxis wird ISiK stufenweise eingeführt: Grundlegende Patientendaten seit 2023, erweiterte klinische Daten seit 2024, weitere Module ab 2025.5) Doch die Umsetzung in den Häusern braucht Zeit, Geld und Personal, das ohnehin knapp ist.

International zeigt sich, dass der Trend eindeutig in Richtung FHIR geht: 71 % der befragten Länder nutzen den Standard laut einer aktuellen Erhebung bereits aktiv. 73 Prozent der Länder, die Gesundheitsdaten regulieren, schreiben FHIR vor oder empfehlen es.6) Deutschland liegt hier im Mittelfeld. Die Richtung stimmt, das Tempo nicht.

Die elektronische Patientenakte: Hoffnung mit Hürden

Seit Ende April 2025 erhalten alle gesetzlich Versicherten automatisch eine elektronische Patientenakte, sofern sie nicht widersprechen. Ab Oktober 2025 müssen Ärzte, Psychotherapeuten und andere Leistungserbringer die ePA nutzen.7) Technisch setzt sie auf FHIR und IHE-Standards und könnte damit die Plattform werden, die den einrichtungsübergreifenden Datenaustausch endlich ermöglicht.

Könnte. Denn die Akzeptanz unter Medizinern ist gedämpft. 86 % der Ärzte bezweifeln, dass der technische Betrieb reibungslos funktioniert. 66 % äußern Bedenken wegen Datenmissbrauchs.8) Gleichzeitig sehen 26 % die Möglichkeit, Daten für Forschungszwecke zu nutzen, als konkreten Vorteil.8) Diese Zahlen zeigen das Grunddilemma: Das Potenzial ist da, das Vertrauen noch nicht.

Für KI-Anwendungen ist die ePA trotzdem ein Wendepunkt. Wenn Patientendaten erstmals strukturiert und einrichtungsübergreifend verfügbar sind, können Algorithmen Muster erkennen, die bei fragmentierten Daten unsichtbar bleiben. Ob das in der Praxis funktioniert, hängt davon ab, ob die Krankenhausinformationssysteme die Vorgaben sauber umsetzen und ob die Kliniken die nötige Infrastruktur bereitstellen können.

Was die Krankenhausgesellschaften fordern

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat im Oktober 2025 ein Positionspapier zur KI im Krankenhaus veröffentlicht, das die Interoperabilität als Kernthema behandelt.9) Die Forderungen sind konkret: Klinische Register müssten technisch und semantisch auf Basis verbindlicher Normen vereinheitlicht werden. Krankenhäuser bräuchten für den Mehraufwand der Datenbereitstellung finanzielle Entschädigung. Und die Trainingsdaten für KI-Anwendungen müssten die nötige Vielfalt abbilden, um Verzerrungen bei Geschlecht, Alter oder ethnischer Herkunft zu vermeiden.9)

Zur Infrastruktur sieht die DKG eine Finanzierungslücke. Der Krankenhauszukunftsfonds fördere zwar klinische Entscheidungsunterstützungssysteme, aber nicht die Infrastruktur, auf der diese Systeme laufen. Die DKG fordert deshalb ein Sondervermögen nach dem Vorbild des KHZG, das offene Plattformen und laufende Betriebskosten einschließt.10)

Außerdem fordert die DKG, dass das Netzwerk Universitätsmedizin und die Medizininformatik-Initiative (MII) um weitere Krankenhäuser erweitert werden.10) Die MII, die mit 500 Mio. € vom Bund gefördert wird, hat bislang standardisierte Datenmodelle nur für Universitätskliniken geschaffen.11) Der Transfer in die Breite der Versorgung, also dorthin, wo die meisten Patienten behandelt werden, fehlt.

Was andere Länder anders machen

Der Unterschied zwischen Deutschland und den Ländern, in denen KI im Krankenhaus bereits funktioniert, liegt weniger in der Technologie als in der Koordination. In England setzt die Hälfte der NHS-Krankenhäuser KI in der Diagnostik ein. Entscheidend war dabei das NHS AI Lab, eine zentrale Stelle, die Einführung, Validierung und Begleitforschung koordiniert.12) Dänemark betreibt seine Gesundheitskommunikation nahezu vollständig digital, auf Basis einer einheitlichen nationalen Infrastruktur.12)

In den USA nutzen bereits 70 % der Krankenhäuser FHIR-basierte Schnittstellen für den Patientenzugang.13) Ein wesentlicher Treiber ist der 21st Century Cures Act, der Anbietern bei Verstößen konkrete Sanktionen androht. In Israel bildet FHIR die Grundlage der gesamten nationalen Interoperabilitätsstrategie.6)

Was diese Länder verbindet: eine zentrale Koordinierungsinstanz, Standards mit Durchsetzungsmechanismen und eine digitale Grundinfrastruktur, die vor dem KI-Einsatz steht. Deutschland hat mit ISiK, der ePA und dem europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) die richtigen Instrumente angelegt. Es fehlt die Stelle, die sie zusammenführt.

Die Finanzierungsfrage

Drei von vier deutschen Krankenhäusern sind heute nicht investitionsfähig. Der kumulierte Investitionsstau beträgt nach Angaben der DKG mindestens 30 Milliarden Euro.14) Der Krankenhauszukunftsfonds stellte 4,3 Mrd. € für Digitalisierung bereit, doch zwei Drittel der Häuser hielten die Umsetzungsfristen nicht ein.14) Und eine dauerhafte Finanzierung für den Betrieb der angeschafften Systeme fehlt bis heute.

Die Digitalisierungsstrategie des Bundesgesundheitsministeriums setzt das Ziel, KI-gestützte Dokumentation bis 2028 in über 70 % der Einrichtungen zum Standard zu machen.15) Für klinische KI-Anwendungen dürften die realistischen Implementierungszeiträume eher bei fünf bis zehn Jahren liegen, für administrative Anwendungen bei zwei bis vier Jahren.

Die Frage der kommenden Jahre ist, ob der Transformationsfonds von bis zu 50 Mrd. € genutzt wird, um eine kohärente Digitalisierungsstrategie zu finanzieren. Oder ob die Mittel in Einzelprojekte fließen, die nach Auslaufen der Förderung verwaisen.

Was jetzt passieren muss

Interoperabilität ist kein IT-Thema. Sie ist eine Infrastrukturfrage von gesundheitspolitischer Tragweite. Die ISiK-Vorgaben müssen über die Universitätskliniken hinaus in die Breite der Versorgung getragen werden, mit Durchsetzungsmechanismen, die über freiwillige Selbstauskunft hinausgehen. Die Betriebskostenfinanzierung muss geklärt werden, denn Anschaffungen ohne Folgebudgets produzieren digitale Ruinen. Und Deutschland braucht eine zentrale Koordinierungsinstanz für KI im Krankenhaus. Die gematik, das Kompetenzzentrum für Interoperabilität im Gesundheitswesen und die DKG verfügen über die Kompetenz dafür. Das NHS AI Lab zeigt, dass ein solches Modell funktioniert.

Grundversorger brauchen dabei gezielte Unterstützung. Die Kluft zwischen 51,9 Punkten bei Maximalversorgern und 38,3 bei Grundversorgern wird sich ohne spezifische Programme weiter vertiefen. Und die KI-Kompetenzpflicht, die seit Februar 2025 für alle Krankenhäuser gilt, die KI einsetzen, muss mit konkreten Schulungsangeboten und Finanzierung hinterlegt werden. Ohne Personal, das KI-Ergebnisse kritisch einordnen kann, ist jede Technologieinvestition vergeblich.

Künstliche Intelligenz ist für die Zukunft der Krankenhausversorgung eine echte Chance. Aber sie ist eine Chance, die Voraussetzungen hat. Für Häuser, die heute noch mit der elektronischen Dokumentation ringen, bleibt sie vorerst eine weitere Anforderung auf einer ohnehin langen Liste. Erst wenn die digitale Grundinfrastruktur steht, wird KI vom Pilotprojekt zur Versorgungsrealität.

Anmerkungen

1) gematik. ISiK – Informationstechnische Systeme in Krankenhäusern. fachportal.gematik.de/informationen-fuer/isik 

2) DigitalRadar Krankenhaus. Pressemitteilung zur zweiten Datenerhebung, Januar 2025. www.digitalradar-krankenhaus.de/pressemitteilung-zur-veroeffentlichung-der-zwischenberichts-der-zweiten-datenerhebung/

3) Deutsches Ärzteblatt. Digitalradar: Krankenhäuser legen an Digitalisierungsgrad zu, April 2025. www.aerzteblatt.de/news/digitalradar-krankenhauser-legen-an-digitalisierungsgrad-zu-b765fe6f-07be-44af-ba11-e230200c3c7b

4) Wong, A., Otles, E., Donnelly, JP. et al. External Validation of a Widely Implemented Proprietary Sepsis Prediction Model in Hospitalized Patients. JAMA Intern Med 2021; 181: 1065–1070. doi:10.1001/jamainternmed.2021.2626.

5) kma online. Interoperabilität: Warum eine verstärkte Schnittstellenpflicht sinnvoll ist, November 2023. www.kma-online.de/aktuelles/it-digital-health/detail/warum-eine-verstaerkte-schnittstellenpflicht-sinnvoll-ist-51082

6) Firely & HL7 International. 2025 State of FHIR Survey Report, Juli 2025. fire.ly/news/fhir-adoption-survey-2025/ 

7) SWR. Elektronische Patientenakte jetzt Pflicht für Ärzte, 2025. www.swr.de/swraktuell/epa-elektronische-patientenakte-bundesweit-pflicht-ab-oktober-2025-faq-was-muss-ich-wissen-100.html

8) Bitkom. KI in fast jeder siebten Praxis und vielen Kliniken im Einsatz, 2025. www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/KI-in-Praxis-und-Kliniken-im-Einsatz

9) DKG-Positionspapier: Nutzung von Künstlicher Intelligenz im Krankenhaus, Oktober 2025. www.dkgev.de/fileadmin/default/Mediapool/1_DKG/1.7_Presse/1.7.1_Pressemitteilungen/2025/2025-10-23_PM_Anlage_DKG-Positionspapier_KI_im_Krankenhaus.pdf

10) Healthcare Digital. DKG positioniert sich zu KI im Krankenhaus, November 2025. www.healthcare-digital.de/dkg-positioniert-sich-zu-ki-im-krankenhaus-a-a2a122ba6fc515df4c46c16f9e3f87d1/

11) BMFTR. Richtlinie zur Förderung Digitale FortschrittsHubs Gesundheit, 2024. www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Bekanntmachungen/DE/2024/07/2024-07-25-Bekanntmachung-Gesundheit.html

12) NHS England. AI Diagnostic Fund und NHS AI Lab. transform.england.nhs.uk/ai-lab/. Ergänzend: Sundhedsdatastyrelsen. Digital Health Strategy Denmark.

13) ASTP/ONC Data Brief No. 79, August 2025. Patient Engagement Capabilities Among Hospitals. www.healthit.gov/sites/default/files/2025-08/Patient-Engagement-Capabilities-Among-Hospitals-DB79_508.pdf

14) DKG-Positionspapier Gesundheitsversorgungspolitik, Oktober 2025. www.dkgev.de/dkg/positionen/ 

15) Bundesministerium für Gesundheit. Digitalisierungsstrategie GEMEINSAM DIGITAL, aktualisiert Februar 2026. www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/digitalisierung 

Anschrift der Verfasserin

Michelle Gresbek, M. Sc., Doktorandin an der Charité Universitätsmedizin, michelle.gresbek@gmail.com