Prof. Linus Hofrichter, Geschäftsführer der a|sh sander.hofrichter architekten GmbH. Foto: a|sh
Im Gespräch mit Prof. Linus Hofrichter, Geschäftsführer der a|sh sander.hofrichter architekten GmbH
Wie steht es um die bauliche Substanz der Kliniken in Deutschland?
In Deutschland gibt es einen erheblichen Sanierungs- und Erneuerungsstau in der Krankenhauslandschaft. Zwar wurden in den letzten Jahren zahlreiche Projekte angestoßen – darunter viele Neubauten und Sanierungen – doch die bauliche Substanz vieler Kliniken ist nach wie vor in keinem zufriedenstellenden Zustand. Die Unsicherheit bezüglich zukünftiger Investitionen durch Bund und Länder führt dazu, dass viele Krankenhausträger momentan in einer Art Wartestellung verharren.
Ein klarer Trend ist die Zentralisierung: Leistungen werden zunehmend an größeren Klinikstandorten konzentriert, während kleinere Häuser geschlossen werden. Dieser Strukturwandel spiegelt sich auch im Krankenhausbau wider.
Ein grundlegendes Problem besteht darin, dass sich nicht jeder Altbau umfassend sanieren lässt. Gleichzeitig stehen viele Krankenhäuser vor der Notwendigkeit, im Zuge der Krankenhausreform entweder vollständig neu gebaut oder umfassend modernisiert und erweitert zu werden. Im Rahmen der Konzentrationsprozesse sind teilweise auch Schließungen notwendig.
Werden denn derzeit viele Krankenhäuser gebaut?
Trotz aller Herausforderungen gibt es viele Baustellen in Deutschland, es tut sich etwas im Krankenhausbau. Wir haben einen gewissen Schub erlebt, beispielsweise in Baden-Württemberg: Hier gibt es zahlreiche Neubauprojekte, von denen viele kurz vor der Fertigstellung stehen, etwa die neue Zentralklinik in Lörrach. Auch unabhängig von der anstehenden Krankenhausreform haben viele Träger neue, moderne Krankenhäuser gebaut oder bestehende Gebäude saniert.
Welche Notwendigkeiten ergeben sich für den Klinikbau aus der Krankenhausreform?
Die Krankenhausreform bringt neue Anforderungen an die bauliche Struktur der Kliniken mit sich. Ambulantisierung ist ein zentrales Thema. Schon in den vergangenen Jahren wurden immer mehr medizinische Versorgungszentren (MVZ) in die Klinikstrukturen integriert, Krankenhausambulanzen sollten sich auch für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte öffnen. Diese Entwicklung erfordert eine stärkere Verzahnung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung – auch baulich.
Früher wurde strikt zwischen stationärer und ambulanter Versorgung getrennt. Heute müssen Kliniken flexible Lösungen anbieten, um allen Versorgungsformen gerecht zu werden – sei es ambulant, teilstationär oder vollstationär. Die Einführung sogenannter Hybrid-DRGs bildet diesen Strukturwandel auch auf Finanzierungsebene schon ab.
Ich halte eine zunehmende Ambulantisierung der Gesundheitsversorgung für unausweichlich. Wir müssen die Anforderungen, die das an uns stellt, mitdenken: Es ist zu hoffen, dass diese offeneren, flexibleren Strukturen über die Sektoren hinweg jetzt hoffentlich auch in der Finanzierung und in der Investitionsförderung mehr berücksichtigt werden.
• Wie sieht ein zukunftsfähiger Krankenhausbau aus?
Die Frage, wie ein zukunftsfähiger Krankenhausbau aussehen soll, wird aktuell intensiv diskutiert.
Krankenhäuser müssen sich immer wieder an neue Anforderungen anpassen. Während medizinische Geräte eine Lebensdauer von fünf bis zehn Jahren haben, steht ein Klinikgebäude im Schnitt 50 Jahre. Also ist Flexibilität im Bau heute essenziell. Neue Konzepte setzen auf intelligente Gebäudestrukturen: größere Spannweiten, ausreichend große Achsmaße und Geschosshöhen ermöglichen spätere Umbauten ohne großen Aufwand.
Gleichzeitig wird zunehmend auf nachhaltige Materialien geachtet. Beton wird – wo möglich – durch CO₂-sparende Baustoffe wie Holz oder andere leichtere Baustoffe ersetzt. Das erleichtert nicht nur spätere bauliche Anpassungen, sondern verbessert auch die Ökobilanz.
Ein zukunftsfähiger Krankenhausbau integriert bereits in der Planung ambulante Strukturen, Diagnostik und kurze Wege – auch zwischen verschiedenen Versorgungsformen. Es braucht funktionale Schleusensysteme, flexible Raumkonzepte und klug organisierte Prozesse.
Ist das Konzept der Healing Architecture noch aktuell oder wurde es verdrängt durch die Forderung nach resilienten Kliniken?
Der Begriff Healing Architecture ist weit verbreitet, ist aber nicht ganz angemessen. Architektur kann nicht heilen – sie kann jedoch den Heilungsprozess unterstützen. Deshalb spreche ich lieber von Supportive Architecture. Sie trägt dazu bei, das Arbeitsumfeld und -klima für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kliniken zu verbessern und vermittelt Wertschätzung, wenn beispielsweise Arbeitsplätze klimatisch angenehm gestaltet sind. Ebenso profitieren Patientinnen und Patienten, wenn sie nicht in überhitzten Mehrbettzimmern, sondern in wohltuender Atmosphäre genesen können.
Moderne Krankenhausarchitektur reduziert Stress für Patientinnen und Patienten und verbessert gleichzeitig die Arbeitsbedingungen erheblich: Das ist ein wichtiger Aspekt auch mit Blick auf den Fachkräftemangel.
Mit den derzeit entstehenden Krankenhausneubauten geht man in eine vielversprechende Richtung. Photovoltaik-Anlagen, intelligente Kühlungssysteme und nachhaltige Konzepte zur Reduktion von Hitze ohne klassische Klimaanlagen zeigen, dass CO₂-neutrales Bauen auch mit begrenzten Budgets möglich ist – vorausgesetzt, es wird klug geplant.
Auch das Thema Resilienz gewinnt im Krankenhausbau an Bedeutung. Jahrzehntelang mussten Krankenhäuser kaum auf Szenarien wie Naturkatastrophen oder kriegsähnliche Zustände vorbereitet sein. Heute hingegen rücken solche Fragestellungen in den Vordergrund. So wird beispielsweise diskutiert, wie Patientenzimmer im Notfall mit zusätzlichen Betten ausgestattet werden können oder wie technische Infrastruktur – etwa Trafostationen und Serverräume – so geplant werden können, dass sie nicht durch Hochwasser gefährdet sind. Nicht zuletzt die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 hat hier ein deutliches Umdenken ausgelöst.
Wenn eine größere Anzahl älterer Gebäude künftig nicht mehr als Kliniken genutzt werden: Sind andere Nutzungen der Gebäude sinnvoll und möglich?
Die Frage, wie mit älteren Klinikgebäuden umgegangen werden soll, wenn diese nicht mehr als Krankenhäuser genutzt werden können, ist ebenfalls zukunftsweisend – und vor allem hochkomplex. Auch hier steht die Nachhaltigkeit mehr und mehr im Fokus: Statt Abriss rückt zunehmend die sinnvolle Integration bestehender Bausubstanz in neue Konzepte in den Mittelpunkt. Der bewusste Umgang mit sogenannter „grauer Energie“ – also der Energie, die über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes hinweg, vom Bau bis zur Entsorgung, benötigt wird – ist mir sehr wichtig. Der vorschnelle Abriss, wie er noch vor wenigen Jahren gängige Praxis war, wird heute deutlich kritischer hinterfragt.
Natürlich sind Altbauten nicht für jede medizinische Nutzung geeignet. Beispielsweise ist es kaum sinnvoll, moderne OP-Bereiche in alte Strukturen zu integrieren. Für ambulante Versorgungszentren (MVZ), Reha-Einrichtungen oder Tageskliniken hingegen können sanierte Altbauten eine ausgezeichnete Lösung darstellen. In manchen Fällen ist sogar eine Umwandlung in Wohnraum denkbar – etwa zur Schaffung von attraktivem Wohnraum für medizinisches Personal. Allerdings sind die Hürden hier je nach Gebäude erheblich.
Ein Beispiel aus der Praxis: Der Altbau der Alb Fils Klinik in Göppingen, der in den 1980er Jahren errichtet wurde, war aufgrund seiner schlecht dimensionierten Strukturen – große Aufzüge, weitläufige Verkehrsflächen, riesige Versorgungsschächte und viele Räume ohne Fenster – energetisch kaum sinnvoll nutzbar. Eine alternative Nutzung erschien hier wenig realistisch. Anders hingegen das Beispiel eines Klinikgebäudes in München-Bogenhausen, ebenfalls aus den 1980er Jahren. Dank eines geeigneteren Grundrisses und der zentralen Lage bietet sich hier tatsächlich die Möglichkeit, das Gebäude in Wohnraum umzuwandeln – eine attraktive Option insbesondere für Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte.
Oft bietet der Bestand älterer Klinikgebäude Potenzial – vorausgesetzt, es wird differenziert und mit Weitblick geplant.
Blicken Sie optimistisch in die Zukunft, was den Krankenhausbau betrifft?
Das Gespräch führte Katrin Rüter, Chefredakteurin „das Krankenhaus“