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Thema des Monats

„Gute Krankenhausplanung beginnt mit dem Verständnis der Abläufe.“


„Der Erfolg eines Krankenhausgebäudes entscheidet sich nicht am Tag der Eröffnung, sondern im Alltag vieler Jahre“, sagt Arne Thorben Damm. Der Architekt BDA/AKG ist Geschäftsführender Hauptgesellschafter der Generalplaner + Architekten BDA RDS Partner. Foto: André Loessel

Bauen und Planen: Im Gespräch mit Arne Thorben Damm, Geschäftsführender Hauptgesellschafter der Rauh Damm Stiller Partner Planungsgesellschaft mbH (Architekten BDA RDS Partner).

Fusionen, Schließungen, Ambulantisierung: In der Krankenhauslandschaft in Deutschland stehen große Veränderungen an. Was bedeutet das für den Krankenhausbau?

Wir erleben derzeit einen tiefgreifenden Wandel der Gesundheitsversorgung. Für den Krankenhausbau besteht die Herausforderung darin, diese Veränderungen in tragfähige und langfristig nutzbare bauliche Strukturen zu übersetzen.

Krankenhausreform, Ambulantisierung und Spezialisierung verändern die Rolle vieler Standorte grundlegend. Einige Krankenhäuser werden sich künftig stärker auf hochkomplexe Leistungen konzentrieren, andere ambulante oder sektorenübergreifende Aufgaben übernehmen. Für die Planung bedeutet das, dass wir Gebäude deutlich flexibler und anpassungsfähiger entwickeln müssen als in der Vergangenheit. Dabei geht es nicht mehr nur um einzelne Gebäude. Wir müssen Versorgungsstrukturen und Standorte ganzheitlich betrachten und die Frage beantworten, welche Leistungen dort künftig erbracht werden sollen. Erst daraus ergeben sich die richtigen baulichen Strukturen und organisatorischen Zusammenhänge.

Gerade im Krankenhausbau zeigt sich immer wieder, wie schnell sich medizinische, organisatorische und technische Anforderungen verändern können. Deshalb planen wir heute nicht mehr für einen festen Endzustand. Gute Krankenhausgebäude müssen so robust und flexibel sein, dass sie auch auf Entwicklungen reagieren können, die wir heute noch nicht im Detail vorhersehen. Die Fähigkeit zur Anpassung wird damit zu einem zentralen Qualitätsmerkmal zukunftsfähiger Gesundheitsbauten.

Im Krankenhausbetrieb werden Anforderungen und Erfordernisse immer komplizierter. Ist das beim Bau ähnlich? Wie gehen Sie als Architekt und Planer damit um? 

Ja, absolut. Krankenhausbau gehört zu den anspruchsvollsten Bauaufgaben überhaupt. In kaum einem anderen Gebäudetyp greifen medizinische Prozesse, Pflege, Hygiene, Medizintechnik, Digitalisierung, Logistik, Personalorganisation, Energieversorgung, Resilienz, Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und Architektur so eng ineinander.

Die Herausforderung besteht darin, aus dieser Komplexität eine funktionierende Ordnung zu entwickeln. Gute Krankenhausplanung beginnt deshalb nicht mit der Architektur, sondern mit dem Verständnis der Abläufe. Erst wenn Prozesse, Beziehungen und Funktionen richtig organisiert sind, kann daraus gute Architektur entstehen. 

Bei aller technischen und organisatorischen Komplexität darf man allerdings nicht vergessen, dass Krankenhäuser Lebens- und Arbeitsorte sind. Menschen verbringen hier oftmals belastende Stunden, Tage oder sogar Wochen. Aspekte wie Orientierung, Tageslicht, Aufenthaltsqualität, Freiräume und eine heilungsfördernde Umgebung sind deshalb kein Widerspruch zur Funktionalität, sondern ein wesentlicher Bestandteil guter Gesundheitsarchitektur.

Die besondere Herausforderung besteht darin, all diese Anforderungen miteinander in Einklang zu bringen. Genau darin liegt für mich die Faszination des Krankenhausbaus. 

Wie gehen Krankenhausplaner mit dem Kostendruck um?

Kostendruck gehört heute zu jedem Krankenhausprojekt. Die entscheidende Frage lautet allerdings nicht, wie günstig gebaut werden kann, sondern wie wirtschaftlich ein Krankenhaus über seinen gesamten Lebenszyklus funktioniert. Krankenhäuser werden über Jahrzehnte genutzt und kontinuierlich weiterentwickelt. Deshalb sind robuste Strukturen, Erweiterungsfähigkeit, gute Funktionszusammenhänge und geringe Betriebskosten häufig wichtiger als kurzfristige Einsparungen in der Errichtung.

Gute Krankenhausplanung bedeutet nicht, möglichst wenig Geld auszugeben. Gute Krankenhausplanung bedeutet, die verfügbaren Mittel dort einzusetzen, wo sie dauerhaft den größten Nutzen für Patienten, Mitarbeitende und Betreiber erzeugen.

Spiegelt sich die Rolle der Krankenhäuser als zentrale Einrichtungen der Daseinsvorsorge in den Kommunen und Städten auch in der Architektur? 

Unbedingt. Krankenhäuser sind weit mehr als medizinische Einrichtungen. Sie gehören zur kritischen Infrastruktur, sind häufig einer der größten Arbeitgeber einer Region und prägen das öffentliche Leben einer Stadt oft über Generationen. Deshalb sollten sie auch architektonisch als öffentliche Orte verstanden werden. Gute Krankenhäuser schaffen Orientierung, Aufenthaltsqualität und Identität. Sie müssen Vertrauen vermitteln und zugleich Teil des städtischen Lebens sein.

Gerade große Klinikstandorte übernehmen heute häufig Funktionen, die über die medizinische Versorgung hinausgehen. Sie sind Arbeitsorte, Begegnungsorte und vielfach auch öffentliche Stadträume.

Termin- und Kostenrahmen sind auch bei Klinikplanung und -bau wohl zunehmend eng gefasst: Ist vor diesem Hintergrund Krankenhausbau eigentlich noch eine interessante Aufgabe für einen Architekten? Schlicht gefragt: Macht das noch Spaß? 

Ja, unbedingt. Die Planung von Krankenhäusern ist fordernd, manchmal auch anstrengend, aber gerade deshalb außerordentlich spannend. Man arbeitet an Gebäuden, die für die Gesellschaft von zentraler Bedeutung sind und die Menschen oft über viele Jahrzehnte begleiten. Kaum eine Bauaufgabe verbindet technische, funktionale, wirtschaftliche und menschliche Anforderungen in vergleichbarer Weise. Wenn es gelingt, diese unterschiedlichen Anforderungen in eine überzeugende Gesamtstruktur zu überführen, ist das außerordentlich befriedigend. Gleichzeitig hat man die Möglichkeit, Rahmenbedingungen für eine bessere Versorgung, bessere Arbeitsbedingungen und eine höhere Aufenthaltsqualität zu schaffen. Diese unmittelbare gesellschaftliche Relevanz macht die Aufgabe besonders. 

Für mich zählt die Planung von Krankenhäusern und anderen Gesundheitsbauten nach wie vor zu den interessantesten und zugleich verantwortungsvollsten Planungsaufgaben überhaupt.

Wie viel Spielraum haben Sie in der Regel bei der Planung?

Mehr als man von außen vermuten würde. Natürlich sind im Krankenhausbau viele Rahmenbedingungen vorgegeben. Komplexe Raum- und Funktionsprogramme, medizinische Anforderungen, Betriebsabläufe, Hygiene, Medizintechnik, Wirtschaftlichkeit und gesetzliche Vorgaben setzen enge Grenzen. Dennoch entsteht Qualität gerade innerhalb dieser Randbedingungen.

Der eigentliche Gestaltungsspielraum liegt häufig nicht in spektakulären Formen, sondern in der Frage, wie Menschen ein Gebäude erleben und nutzen. Wie verständlich ist die Orientierung? Wie selbstverständlich funktionieren Wege und Abläufe? Wie viel Tageslicht gelangt in die Aufenthaltsbereiche? Welche Atmosphäre entsteht für Patienten, Angehörige und Mitarbeitende?

Gute Gesundheitsarchitektur entsteht dort, wo funktionale Anforderungen, menschliche Bedürfnisse und gestalterische Qualität miteinander in Einklang gebracht werden. Ihre Qualität zeigt sich darin, wie selbstverständlich ein Gebäude funktioniert und wie positiv es von den Menschen erlebt wird.

Spielen ästhetische Aspekte der Gestaltung noch eine Rolle bei Krankenhausbau? 

Ja, und vielleicht mehr denn je. Gerade weil Krankenhäuser heute hoch technisierte Arbeits- und Behandlungswelten sind, gewinnen Orientierung, Materialität, Licht, Akustik und räumliche Qualität zunehmend an Bedeutung. 

Gestaltung ist dabei kein Selbstzweck. Gute Architektur hilft Menschen, sich zurechtzufinden, vermittelt Sicherheit, reduziert Stress und trägt dazu bei, dass Patienten, Angehörige und Mitarbeitende ein Gebäude positiv erleben. Tageslicht, Ausblicke, Proportionen, Farben oder Freiräume prägen, wie Menschen einen Ort wahrnehmen und erleben. Deshalb sind sie weit mehr als gestalterische Details.

Ein gutes Krankenhaus muss nicht nur funktional und wirtschaftlich sein. Es sollte den Menschen Sicherheit, Orientierung und Vertrauen geben – gerade in Situationen, die häufig von Unsicherheit und Belastung geprägt sind.

In den vergangenen Jahren waren Konzepte wie „Healing Architecture“ und „Green Hospital“ sehr beliebt. Fallen diese Konzepte dem steigenden Kostendruck zum Opfer? 

Nein. Im Gegenteil. Viele Aspekte von Healing Architecture und Green Hospital sind heute keine Zusatzleistungen mehr, sondern selbstverständliche Bestandteile guter Krankenhausplanung. Die positiven Auswirkungen von Tageslicht, Orientierung, Aufenthaltsqualität, Freiräumen, Klimaanpassung, Energieeffizienz und nachhaltigen Materialien sind heute deutlich besser belegt als noch vor einigen Jahren. Sie verbessern nicht nur die Qualität eines Gebäudes, sondern häufig auch dessen langfristige Wirtschaftlichkeit.

Die Frage lautet daher nicht, ob wir uns diese Themen leisten können. Die Frage lautet vielmehr, wie wir sie intelligent und wirtschaftlich umsetzen. Gute Krankenhausplanung muss heute funktional, nachhaltig und menschenorientiert zugleich sein.

Aktuell scheint Resilienz und Krisentauglichkeit das Thema der Stunde. Wie bildet sich das Thema im Krankenhausbau ab?

Resilienz gehört heute zu den zentralen Anforderungen an Krankenhausgebäude. Krankenhäuser müssen auch bei Extremwetterereignissen, Energieengpässen, Cyberangriffen, Pandemien oder anderen Krisensituationen funktionsfähig bleiben. Als Teil der kritischen Infrastruktur tragen sie eine besondere Verantwortung für die Versorgung der Bevölkerung.

Das betrifft technische Redundanzen ebenso wie flexible Raumstrukturen, sichere Versorgungswege und robuste Betriebsabläufe. Resilienz ist dabei nicht nur eine technische Frage. Sie beginnt bereits bei der Grundstruktur eines Gebäudes und seiner Fähigkeit, auf veränderte Anforderungen reagieren zu können.

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass wir nicht jede Krise vorhersagen können. Umso wichtiger ist es, Krankenhäuser so zu planen, dass sie auch unter außergewöhnlichen Bedingungen handlungsfähig bleiben. Resilienz bedeutet deshalb nicht nur Absicherung gegen einzelne Risiken, sondern vor allem die Fähigkeit, den Betrieb auch unter veränderten Rahmenbedingungen aufrechtzuerhalten. 

Besuchen Sie manchmal ein Krankenhaus, das von Ihnen gebaut wurde, nach zehn, 15 Jahren? Funktionieren die noch?

Ja, und genau dann zeigt sich häufig die eigentliche Qualität eines Krankenhauses. Der Erfolg eines Krankenhausgebäudes entscheidet sich nicht am Tag der Eröffnung, sondern im Alltag vieler Jahre. Dann erkennt man, ob Wege funktionieren, ob sich Bereiche anpassen lassen, ob Erweiterungen möglich sind und ob das Gebäude von Patienten, Mitarbeitenden und Besuchern angenommen wird.

Gerade Krankenhäuser verändern sich kontinuierlich. Medizinische Verfahren, technische Anforderungen, organisatorische Abläufe und Erwartungen an Aufenthalts- und Arbeitsqualität entwickeln sich weiter. Deshalb ist es entscheidend, dass ein Gebäude nicht nur für den ersten Nutzungstag geplant ist, sondern Veränderung zulässt.

Interessant ist dabei die Beobachtung, dass Häuser, die sorgfältig geplant und gestalterisch ernst genommen wurden, häufig auch langfristig besser gepflegt und weiterentwickelt werden. Gute Architektur kann Identifikation schaffen. Und Identifikation ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass ein Gebäude auch über viele Jahre Qualität behält.

Das Gespräch führte Katrin Rüter, Chefredakteurin das Krankenhaus