Thema des Monats

Fit for Work and Life


Foto: MHH

Spätestens seit der Coronapandemie ist das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Belastungen, denen Beschäftigte im Krankenhaus ausgesetzt sind, gestiegen. Nachtschichten, Überstunden, der tägliche Umgang mit Krankheit und Leid: Nicht wenige verlassen den Beruf, lange bevor Sie das Rentenalter erreichen. Gleichzeitig ist der Mangel an Pflegekräften und auch an ärztlichem Personal ein immer drückenderes Problem für die Kliniken.

Zahlen des Berufsgesundheitsindex der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) sowie der Deutschen Rentenversicherung (DRV) zeigen, dass die Gesundheit des Pflegepersonals im Krankenhaus auf ein Rekordtief gesunken ist. Die hohen Zahlen zu Verdachtsmeldungen auf Berufskrankheiten sind vor allem in der Zeit der Pandemie stark angestiegen.

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) begegnet dieser Entwicklung seit mehr als einer Dekade mit einem umfassenden betrieblichen Gesundheitsmanagement. Ein wichtiges Element des BGM der Universitätsklinik ist das Projekt „Fit for Work & Life“.

Das einzigartige Programm wird von der Klinik für Rehabilitations- und Sportmedizin und der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie gemeinsam mit dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement für alle Mitarbeiter und für Studierende der MHH kostenlos angeboten.

Das Programm setzt sich aus bereits bewährten Einzelmaßnahmen der beteiligten Abteilungen zusammen und orientiert sich an der individuellen Situation und den arbeitsplatzbezogenen Problemlagen der Teilnehmenden. Die Einzelmaßnahmen können präventiv, therapeutisch oder rehabilitativ erfolgen. FWL umfasst als präventive Angebote sowohl trainingstherapeutische als auch psychoedukative Interventionen. Beschäftigte mit einer relevanten arbeitsplatzbezogenen Funktionseinschränkung erhalten eine einwöchige Intensivrehabilitation innerhalb der MHH oder Rehabilitationsmaßnahmen nach dem Konzept der JobReha. Die Teilnahme gilt überwiegend als Arbeitszeit.

Die Teilnehmer können im Rahmen des Programms Ziele für die eigene Leistungsfähigkeit aufstellen.  Diese können von „Marathon laufen“ über „Gewicht reduzieren“ bis hin zu „Abends auch mal abschalten können“ variieren. Die Betreuung in Rahmen des personalisierten, risikoadaptierten Programms erfolgt durch Rehabilitations- und Sportmediziner und -medizinerinnen der MHH. „Wir sind hier an der MHH die Profis für die Gesundheit. Es liegt doch auf der Hand, dass wir unser Wissen und unsere Kompetenz auch unseren Beschäftigten zugutekommen lassen. Die Fürsorge für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Mitarbeitenden sollte eine unserer Stärken sein“, sagte Prof. Dr. Uwe Tegtbur, Leitender Arzt der Klinik Rehabilitations- und Sportmedizin der MHH, einer der Initiatoren des Projekts „Fit for Work & Life“. Ein solches Präventions- und Reha-Programm sei in einem großen, interdisziplinär aufgestellten Krankenhaus wie der MHH sehr gut umsetzbar. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewinnen nicht nur an Fitness, der gemeinsame Sport wirke auch positiv auf die Stimmung im Team.

Rund 3 000 Teilnehmer haben das kostenlose, einjährige Programm bereits durchlaufen. Am Anfang steht ein umfassendes Screening der Gesundheit, der Arbeits- und Lebenssituation. Gilt es, präventiv an den Programmmodulen teilzunehmen, liegen Beschwerden vor? Es geht um körperliche und mentale Gesundheit, Fitness, aber auch um Lebensqualität. Auch die Ausbildung einer Depression wird anhand einer Scala untersucht und ggf. im Rahmen einer Intervention zur mentalen Gesundheit angegangen. In einem individuellen Arztgespräch wird besprochen, welche Intervention, welches Modul, welche Maßnahmen für Teilnehmer geeignet wäre. Die Maßnahmen variieren von Gerätetraining über Präventionskurse bis hin zu mehrwöchigen Rehabilitationen, wobei der individuelle Plan für die „Fit for Work and Life“ Teilnahme immer für ein Jahr im Voraus erarbeitet wird.

Das Ziel ist, den Mitarbeitenden zu helfen, die eigene Leistungsfähigkeit zu erhalten und zu stärken, mit individuell zugeschnittenen Plänen, die von Sporttraining über Präventionsprogramme bis hin zu Ernährungskursen reichen. So gibt es beispielsweise einwöchige Intensivintervention im Modul „Jobfit“, dem sich eine dreimonatige Nachsorge anschließt. Die Intensivwoche findet zu 100 % während der Arbeitszeit statt. Die Nachsorgekurse zu 50 %.

Das Programm wird regelmäßig begleitend evaluiert. Für eine Studie im Jahr 2016 wurden zu Beginn der Teilnahme sowie sechs Monate später schriftliche Befragungen mit 302 Teilnehmern durchgeführt. Ergebnis: Die Befragten verbesserten sich im Mittel signifikant hinsichtlich ihrer Arbeitsfähigkeit und der Dauer ihrer Arbeitsunfähigkeit. Zusätzlich berichteten die Mitarbeiter eine signifikante Verbesserung ihrer gesundheitsbezogenen Lebensqualität.

„Es geht nicht allein darum, körperliche Fitness und Gesundheit aufzubauen oder wiederherzustellen. Es geht auch um Resilienz“, sagt Lisanne Schütte-Luchnik, Koordinatorin des Betrieblichen Gesundheitsmanagements der MHH – also um die Fähigkeit, belastende Lebensumstände gut zu meistern und mit negativen Ereignissen umzugehen. Eine Kompetenz, die besonders bei der verantwortungsvollen Tätigkeit im Krankenhaus – sei es in der Pflege oder im ärztlichen Bereich – unerlässlich ist und an Bedeutung gewinnt. Die Stärkung der Resilienz bei Pflegekräften und anderen Mitarbeitern kann Belastungsstörungen wie Burnout oder Depressionen entgegenwirken – nicht zuletzt auch zum Wohle der Patientinnen und Patienten. krü