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Thema des Monats

„Experience Chinese Medicine“


Das Guangdong Provincial Hospital of Chinese Medicine in Guangzhou. Foto: Poppy


Die Apotheke im Guangdong Provincial Hospital of Chinese Medicine: Hinter den Tüten und Regalen sorgt moderne digitale Logistik für reibungslose, individuelle Medikamentenzubereitung. Foto: krü

Eine Delegationsreise nach China mit der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft für Health Care Management 

Beginnen wir den Bericht über die Studienreise nach China unter dem Motto „Experience Chinese Medicine“ mit einer Triggerwarnung: Der Besuch im November 2025 war überwältigend. Nüchterne, kritische Berichterstattung über die faszinierenden Eindrücke aus Bejing und Guangzhou ist fast unmöglich. 

Schon der erste Eindruck am Flughafen, in Bahnhöfen und auf den Straßen ist frappierend – wenn nicht beschämend für die Gäste mit aktuellen ÖNVP-Erfahrungen aus Deutschland: Alles funktioniert, schnell und reibungslos. Fernzüge und U-Bahnen: eng getaktet und pünktlich auf die Sekunde. Es gibt so gut wie keine Autos mit Verbrenner-Motoren auf den Straßen. Ein Verbot der Benziner gab es in China nicht: Es wurde sehr schnell und zielgerichtet eine entsprechende Infrastruktur geschaffen und Lademöglichkeiten für E-Autos, Roller und E-Bikes. Die Luft in der 22-Millionen-Metropole Guangzhou ist klar und sauber. Keine überquellenden Mülleimer, kein Unrat, keine sinnlosen Graffiti-Tags. Die Hemmschwelle für dieses Verhalten mag hoch sein angesichts der allgegenwärtigen Kameras. Aber Überwachung und Zwang allein ist sicher nicht der Grund für dieses Wohlverhalten: Die Bürger Chinas fühlen sich offensichtlich verantwortlich für ihre Umgebung. Landet ein Stück Abfall dennoch auf dem Bürgersteig, wird es bald ein Passant aufheben und entsorgen. Zeigen ältere Menschen Unsicherheit etwa beim Betreten einer Rolltreppe, sind jüngere aufmerksam und bereit, bei Bedarf zu helfen und zu stützen. 

Auf den zweiten Blick ist ein unaufgeregter Pragmatismus zu erkennen. Modernste Technik, hochgradige Digitalisierung aller Lebensbereiche und jahrtausendealte Tradition existieren nebeneinander und ergänzen sich. Pragmatismus statt Dogmatik, gepaart mit einem allgegenwärtigen gegenseitigen Respekt – das scheint das Erfolgsrezept der Volksrepublik zu sein. Dieses Konzept funktioniert auch im Gesundheitswesen Chinas. 

China und Deutschland mit ähnlichen Problemen 

Chinas Krankenhäuser stellen 8 Mio. Betten für 1,4 Milliarden Menschen zur Verfügung. Auch die chinesische Bevölkerung wird zunehmend älter, mit ähnlichen Folgen und Problemen für die Gesundheitsversorgung. Auch China kämpft mit riesigen Herausforderungen wie Ungleichheit und hohen Kosten. Vor allem in Bereichen wie der flächendeckenden digitalen Infrastruktur, der Nutzung von Telemedizin und der effizienten Steuerung komplexer Versorgungsnetzwerke für eine riesige Bevölkerung kann Deutschland sicher von China lernen. 

Das Gesundheitssystem und insbesondere die stationäre Versorgung in Deutschland sind in China hoch angesehen. China hat durch massive Investitionen große Fortschritte bei der Grundversorgung gemacht, etwa durch die Einführung einer umfassenden Grundversicherung, aber auch durch den Einsatz von Big Data und künstlicher Intelligenz zur Steuerung der Gesundheitsdienste. Die Versorgung in den ländlichen Gebieten soll in China weiter ausgebaut werden – vor allem mit dem Aufbau eines Netzes kleinerer Kliniken der Grundversorgung.

Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) ist ein Schatz der chinesischen Nation, verkörpert jahrtausendealte Weisheit und spielt eine zentrale Rolle im chinesischen Gesundheitssystem. Doch sie wird nicht als Gegensatz zur westlichen Medizin verstanden. Beide Ansätze zusammenzuführen als sinnvolle Ergänzung ist das Credo des chinesischen Gesundheitswesens. 

Führung durch das Guangdong Provincial Hospital of Chinese Medicine

Beispiel: Das Guangdong Provincial Hospital of Chinese Medicine. Das Krankenhaus ist eine der führenden Einrichtungen der Traditionellen Chinesischen Medizin-(TCM) in China. Es zählt zu den ältesten und größten TCM-Krankenhäusern des Landes. Der Fokus liegt auf Traditioneller Chinesischer Medizin, kombiniert mit modernen medizinischen Methoden. 

Wie modernste Diagnostik und Therapie mit Traditioneller Chinesischer Medizin kombiniert wird, ist hier zu erleben. Die Krankenhausgruppe verfügt über mehr als 3 000 Betten, mehr als 7 000 Mitarbeitende und ist flächendeckend mit modernen medizinischen Geräten ausgestattet. 

Die Anamnese erfolgt strukturiert und digital in einem Arztgespräch. Die Therapie entwirft der behandelnde Arzt oder Therapeut mit Hilfe des Programms: Die individuell auf seine Bedürfnisse und Leiden entworfenen Kräutermischungen werden an die Krankenhausapotheke weitergeleitet und dort zur Abholung als Wochen-Dosis hergestellt und abgegeben. 

Die Apotheke, in der die Mischungen in Papiertüten auf den jeweiligen Patienten warten, wirkt sehr traditionell. Es duftet nach Kräutern, nach Natur. Auf altmodischen Tafeln ist ein Mann gezeichnet, der den Patienten Orientierung gibt. Er erinnert an das gute alte HB-Männchen (eine nervöse Werbe-Ikone, die die beruhigende Wirkung des Tabaks brauchte - aus der Zeit, als im TV noch für Zigaretten geworben wurde). In einer Vitrine sind weitere TCM-Medikamente ausgestellt: Es handelt sich um patentierte Entwicklungen des Guangdong Provincial Hospital of Chinese Medicine.

Die Gänge der Klinik sind voller Patienten, die auf eine Behandlung warten. Oft haben sie eine Behandlung oder Operation nach westlicher Medizin hinter sich. Akut- und Intensivmedizin wird integriert mit TCM-Ansätzen. 

Die Traditionelle Chinesische Medizin ist vor allem eine erfolgreiche Ergänzung der Nachsorge und der Prävention: In der Abteilung für Health Education gibt es Beratung in Sachen Ernährung und Lifestyle, es gibt Behandlungszentren für Parkinson, Dialyse, Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen. Gerade bei der Behandlung von Krebserkrankungen wird TCM gezielt und erfolgreich eingesetzt: Zwar kann TCM Krebs nicht heilen, bietet aber wertvolle ergänzende Ansätze zur Linderung von Nebenwirkungen konventioneller Therapien wie Chemo- oder Strahlentherapie. Die Lebensqualität kann deutlich verbessert werden, etwa durch Akupunktur gegen Übelkeit und Schmerzen oder durch Qigong bzw. Tai-Chi zur Stärkung von Energie und Schlaf. TCM sieht Krebs als ein Ungleichgewicht und nutzt Kräuter und spezifische Techniken, um das innere System und Symptome wie Fatigue, Hitzewallungen oder Appetitlosigkeit zu behandeln. Prof. Dr. Chen Qianjun, Guangdong Provincial Hospital of Chinese Medicine, erklärt, dass TCM sich nicht auf den Tumor selbst richte, sondern seine Umgebung unterstütze und verändere.

Die Behandlungen, insbesondere die eine oder andere Methode der Akupunktur, ist für westliche Augen gewöhnungsbedürftig. So führte der Therapeut einer Schmerzpatientin sehr lange Nadeln in den unteren Rücken ein. Fast schien es, als hätten sie von innen die Bauchdecke durchstoßen. Die Patienten erklärte, sie spüre keinen Schmerz – nur ein kurzes Stechen im Knie. Eine andere Methode fixiert gleichsam wie eine Angel das Gewebe unter der Bauchdecke, während die Nadel bewegt wird. Es ging um eine Behandlung unerfüllten Kinderwunsches. 

Die Mitglieder der Delegation aus Deutschland hatten nicht nur Gelegenheit, den Behandlungen beizuwohnen. Sie konnten sich selbst einer modernen TCM-Diagnostik unterziehen oder einer Akupunktur oder Moxibustion. Das Schröpfen wird, je nach Beschwerden, nicht nur mit Gläsern, sondern mit Kuhhörnern oder Bambussegmenten vorgenommen. Eine gründliche Untersuchung der Augen, der Zunge und des Pulses ergab erfreulicherweise bei keinem der Delegationsteilnehmer ein bedenkliches Ergebnis. 

Ziel: Förderung der Modernisierung und Internationalisierung der TCM

All die Anwendungen hätten so oder ähnlich vielleicht auch vor hunderten Jahren stattgefunden. Doch der Kräuterduft, der Rauch, die Ochsenhörner und Nadeln sind kein archaisches Schauspiel. Das Guangdong Provincial Hospital of Chinese Medicine hat ein klares Ziel - und das gilt für alle Akteure der Traditionellen Chinesischen Medizin, denen die deutsche Delegation auf der einwöchigen Reise begegnete: die Förderung der Modernisierung und Internationalisierung der TCM. Die Einrichtung ist stark forschungs- und akademisch orientiert und trägt mehrere staatliche Forschungszentren und Laboratorien. 

Das Klinikum pflegt die internationale Zusammenarbeitet mit Universitäten etwa aus Schweden, Australien und den Niederlanden, ist in zahlreichen internationalen Kooperationen und TCM-Forschungsnetzwerken beteiligt. 

Ein integratives Ambulanzzentrum mit KI-gestützter Diagnostik

Das erste voll digitalisierte integrative Ambulanzzentrum Chinas arbeitet mit KI-gestützter Diagnostik und personalisierter Therapie. KI-gesteuerte Multiagentensysteme übernehmen Diagnose und organisieren Therapieplanung und Nachsorge. Wie sich Künstliche Intelligenz in der Medizin von Tools zur Sprachverarbeitung und Kommunikationshilfe oder zur Auswertung von CTs zu hochkomplexen Entscheidungssystemen entwickelt, die ganze Behandlungspfade strukturieren können, wird hier nicht ohne Stolz gezeigt. 

TCM-Standards, Forschungs- und Entwicklung: Das Chinese Medicine Guangdong Laboratory

Das Chinese Medicine Guangdong Laboratory ganz im Süden der Volksrepublik mutet futuristisch an. Ein Getränkeautomat erfrischt den Nutzer nicht mit Kaffee oder Softdrinks. Nach einer kurzen Abfrage durch einen Avatar bekommt der Gast – oder Patient – einen Tee einer ganz individuellen, auf seine Bedürfnisse abgestimmten Rezeptur der TCM. 

In diesem High Tech Labor wird geforscht, Talente werden gefördert, Technologien und Standards entwickelt für TCM. Die Hauptaufgaben des Chinese Medicine Guangdong Laboratory sind neben dem Ressourcenschutz die Unterstützung für Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Bereich der traditionellen chinesischen Medizin. Herausragender Talente in der traditionellen chinesischen Medizin sollen gefördert, innovative Arzneimittel erforscht und entwickelt und zur industriellen Produktion gebracht werden. Zentrales Ziel ist auch, Marken und Produkte der traditionellen chinesischen Medizin international zu vermarkten. 

Auch in Deutschland haben Naturmedizin, TCM und ganzheitliche Ansätze Konjunktur. Aber wer in Deutschland eine ärztliche Praxis oder ein Krankenhaus aufsucht, will eine schnelle Lösung für ein akutes Problem. Fragen des Lebensstils, Bewegung, Ernährung und Entspannung, langfristige Konzepte der Heilung und Vorbeugung könnten helfen, das Gesundheitssystem zu entlasten. Immer wieder ist in Deutschland von der Notwendigkeit die Rede, Prävention zu etablieren. Wirklich verankert ist das Konzept, das den Menschen viel Selbstverantwortung abverlangt, bisher nicht. Ein wenig vom gelassenen Pragmatismus in China, der zum Beispiel mehr Prävention und Eigenverantwortung mit effektiver, flächendeckender Versorgung verknüpft, wäre ein guter Anfang. 

Katrin Rüter