Thema des Monats

Einkaufs- und Beschaffungsstrategien: Think Big in Bayern


Geschäftsführer der Klinik IT, Andreas Lange. Foto: privat


Projektmanager des Verbundprojekts, Dr. Benedict Gross. Foto: privat

Gemeinsam denken, entwickeln und entscheiden: 100 Kliniken stemmen große Digitalisierungsvorhaben über die Klinik IT eG

Gemeinsam stark. Unter dem Motto hatten vor gut einem Jahr, am 15. Mai 2023, 56 vorwiegend bayerische Krankenhausträger, die für 106 Kliniken verantwortlich sind, die Klinik IT Genossenschaft (Klinik IT eG) in München gegründet. Zum Wohle der Patientenversorgung will die Genossenschaft die Kräfte und Interessen der Krankenhäuser im IT-Bereich bündeln. Konkret sollen gemeinsame IT Lösungen projektiert, entwickelt und beschafft werden. Die Klinik IT ist eine Genossenschaft und zu 100 % im Besitz der Krankenhäuser. Erstes Projekt ist die Realisierung und die Koordination des Betriebs eines gemeinsamen Patientenportals „mein-krankenhaus.digital“. Laut Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) müssen die Kliniken unter anderem ein solches digitales Portal einrichten.

Darüber hinaus entwickelt die Genossenschaft gemeinsame Digitalisierungsthemen für die Krankenhäuser. Ein Jahr nach der Gründung sieht die erste Zwischenbilanz gut aus, so Andreas Lange, Geschäftsführer der Klinik IT. Für das Patientenportal als Systemlösung und die Schaffung einer Interoperabilitätsplattform wurde Siemens Healthineers beauftragt. Die Kliniken haben für dieses Vorhaben auch ein Rechenzentrum und zudem Fachberatungsleistungen für das Gesamtprojektmanagement beauftragt. In der ersten Ausschreibung hätten sich 56 Klinikträger angeschlossen für das Patientenportal, in einer zweiten Kohorte kämen nochmal über 15 Krankenhausträger dazu. Big wird sozusagen noch Bigger und reicht inzwischen über die Grenzen Bayerns hinaus.

Plattform geht dieses Jahr an den Start

Im Laufe dieses Jahres soll das Patientenportal bei den angeschlossenen Kliniken bereits im Betrieb sein, prognostiziert Lange. Etliche Häuser seien derzeit in der Implementierungsphase. Im Jahresverlauf werde die Plattform live geschaltet. „Der Roll-out läuft“, so Lange. Die Kliniken hätten die Genossenschaft zwar mit Steuerungs- und Koordinierungsleistungen mandatiert, säßen aber selbst nach wie vor mit im Boot. Denn zu den wöchentlich stattfindenden Arbeitssitzungen mit den Dienstleistern und der Klinik IT Genossenschaft würden die Kliniken ihre eigenen Fachleute entsenden. Sie beteiligten sich alle an dem großen Vorhaben und schicken zum Beispiel ihre Expertin für Patientenaufnahmeprozesse in die Gespräche oder den IT-Leiter. „In den Arbeitsgruppen können die Dienstleister, aber auch die Klinik, IT Fragen behandeln und herausfinden, welche Lösungen die Krankenhäuser wirklich brauchen“, sagt Dr. Benedict Gross, der das Verbundprojekt als Projektmanager vonseiten der KIG betreut.

Es handele sich somit um kein klassisches Einkaufsgeschehen. Es gehe auch nur vordergründig darum, durch die schiere Größe gute Einkaufspreise zu erzielen. Relevanter sei, das Knowhow der Kliniken zu bündeln und gemeinsam zu denken, zu entwickeln und zu entscheiden. Im Laufe der Zeit sei auf die Art eine „unglaublich starke und kluge Community gewachsen“, so Gross.

Ein weiterer Effekt: Die Häuser kooperierten nun auch mehr unter- und miteinander. Die Kollegen kennen sich und vertrauen einander. „Eine solche enge Vernetzung der Kliniken untereinander hat es bis dahin nicht gegeben“, betont Gross. Zu den 56 Klinikträgern der ersten Stunde zählten unter anderem große Versorger wie die München-Klinik gGmbH, ein Zusammenschluss städtischer Kliniken oder die Kliniken Südost-Bayern AG, aber auch viele sehr lokale Krankenhäuser. „Das größte Haus hat über 3 000 Betten, das kleinste Haus hat 20 Betten“, ergänzt Lange.

Die Grundidee war, Bedarfe von Krankenhäusern zu erkennen und die Beschaffung zu bündeln. Aufgrund der Größe erfahre die Klinik IT eG auf dem Markt eine andere Resonanz, als wenn ein Einzelhaus sich eine Dienstleistung kauft. Ein Effekt sei also die Wirtschaftlichkeit. „Man kann andere Preise verhandeln.“ Andreas Lange will den Effekt aber nicht nur darauf reduziert wissen. Durch die Bündelung werde die Leistung eine größere. Beispiel Patientenportal: Wenn jedes Krankenhaus ein eigenes Patientenportal kauft, dann sei das eine Individualstrecke. Bei mehreren Häusern kann man in überregionalen Versorgungsnetzwerken denken und man müsse sich plötzlich Gedanken machen über einen Master Patient Index (MPI), der über Häuser hinweg Patienten identifiziert und ihre Daten zugreifbar macht. Die Funktion des Master-Patient-Index entwickelt erst ihren Wert in einem großen Netzwerk durch den Zusammenschluss mehrerer Häuser.

Nicht nur wirtschaftliche Effekte

Der Master Patient Index (MPI) ist ein Konzept zur Überwindung der Schranken zwischen Krankenhaus-IT-Lösungen verschiedener Hersteller oder Softwaregenerationen. Dazu wird im Master Patient Index auf alle bekannten und vergebenen Identitäten und Indices eines Patienten aus verschiedenen Bereichen wie Krankenhäuser, Abteilungen eines Krankenhauses, Arztpraxen etc. referenziert. Ein MPI dient dazu, die Information aus den verschiedenen Quellen unter einer gemeinsamen Identität (einem Index) auch übergreifend über aufeinanderfolgende Fälle desselben Patienten aufzufinden. Perspektivisch haben natürlich auch die geplanten digitalen Identitäten, welche durch die gematik geplant werden, die Möglichkeit, den MPI in Teilen unnötig zu machen.

Für die Kliniken entstehe nicht nur ein wirtschaftlicher Vorteil, der sich auf deren Haushalte auswirke, sondern die Funktionsvielfalt von gemeinsam und groß gedachten Lösungen werde reichhaltiger und größer. Ein weiterer Effekt sei, dass man bei einer großen Ausschreibung auf der Gegenseite auch ein anderes größeres Angebot gegenüber habe. Bei kleinen Stückelungen bekomme man von Dienstleistern oftmals vorkonfektionierte Leistungen, die sich auf mittlere und kleine Häuser spezialisiert hätten. Bei großen Aufträgen gebe es große Anbieter mit großen Lösungen, die auch bereit seien, sich individuell anzupassen an die Bedarfe. Derzeit erlebe man auch mit den KIS-Herstellern eine kooperative Zusammenarbeit und freue sich, dass diese den Gedanken der Interoperabilität mittragen wollen.

Dem gemeinsamen Vorhaben stehen allerdings auch Fallstricke gegenüber. Konkret ist das Regime des Förder- und Vergaberechts stark von der Denke in Einzelunternehmen geprägt. Im Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) wurden die Förderbescheide ebenfalls auf einzelne Krankenhäuser definiert. Das zwingt die Klinik IT Genossenschaft in dem Verbundprojekt dazu, die Projekte schließlich wieder auf die Einzelhäuser herunterzubrechen und eine große gemeinsame Beschaffung wieder in Einzelaufträge aufzuteilen. „Wenn man für jedes Haus einzeln Verträge mit den Dienstleistern abschließt und überwachen muss, entsteht ein großer Administrations- und Abrechnungsaufwand“, sagt Lange. Das Vergaberecht sei Europäisches Recht und nun einmal so geregelt, die deutschen Förderprogramme im Gesundheitswesen könnten zukünftig jedoch durchaus mehr im Gedanken der Zusammenarbeit von Krankenhäusern gestaltet werden, so sein Rat. Der Rahmen des Förder- und Vergaberechts sei eine Herausforderung für Verbünde, wenn sich mehr Krankenhäuser anschließen wollen. „Solche Verbünde müssen auch die Möglichkeit haben, unbürokratisch wachsen zu können, nur dann können wir breiten Mehrwert für Patienten und auch für die Mitarbeiter im Gesundheitswesen schaffen, und dafür müssen zukünftig auch die regulatorischen Rahmenbedingungen geschaffen werden“, sagt Lange.

Unabhängig davon sind schon die nächsten Projekte in der Pipeline. Geplant ist, Zuweiser in das Patientenportal einzubinden. Auch zum Thema Informationssicherheit, zum Schutz vor Hacker-Angriffen, sollen gemeinsame Lösungen erarbeitet werden.

Tanja Kotlorz