Thema des Monats

Einbruch bei der Händedesinfektion


Test unter UV-Licht, wie gut das Desinfektionsmittel auf den Händen verteilt wurde. Foto: Stefan Straube/UKL

DGKH warnt: Anstieg bei primären Blutstrominfektionen bei Patienten

Die Coronazeit hatte viele Schattenseiten und offenbar auch negative Auswirkungen auf die Händehygiene des Klinikpersonals. „Intensität und Qualität der Händedesinfektion sind während der Coronapandemie eingebrochen und haben sich seitdem noch nicht wieder nennenswert erholt“, sagt Dr. Peter Walger, Vorstand Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). Erkennbar sei diese mangelhafte Händehygiene der Klinikbeschäftigten nicht nur am Rückgang der Desinfektionsmittelverbrauche, sondern auch an einer Zunahme besonders kritischer Infektionen, bei denen die Händehygiene eine zentrale Rolle spielt, den Gefäßkatheter-assoziierten Infektionen. Diese sogenannten primären Blutstrominfektionen hätten deutlich zugenommen. In den allermeisten Fällen sind Gefäßkatheter die Eintrittspforte. Der Erreger gelangt durch Handlungen des medizinischen oder pflegerischen Personals an den Gefäßzugängen, zum Beispiel bei Gabe von Spritzen oder Infusionen, aber auch bereits bei der Anlage oder der Pflege in die Blutbahn des Patienten.

In der Coronapandemie dominierte für das Personal verständlicherweise der Eigenschutz durch Tragen der persönlichen Schutzausrüstung Maske, Kittel, Handschuhe und in bestimmten Situationen auch Schutzbrille bei der Versorgung SARS-CoV-2-infizierter Patienten. Die Händedesinfektion in der üblichen Intensität, nach den Regeln der WHO („Fünf Momente der Händehygiene“), zwischen den Arbeitsgängen, insbesondere beim Wechsel von Patient-zu-Patient, sei dabei deutlich vernachlässigt worden, sagt Walger. Zahlreiche Stichproben gaben Hinweise auf eine Zunahme primärer Blutstrominfektionen durch typische Erreger, zum Beispiel Fäkalkeime wie Enterokokken, die als Zeichen von Hygienedefiziten zu werten sind. Aber auch systematische Untersuchungen wie die europäische Punktprävalenzerhebung aus 2022/2023 hätten ergeben, dass die primären Blutstrominfektionen in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern zugenommen hätten. In den teilnehmenden deutschen Kliniken sei der Anteil an allen nosokomialen Infektionen gegenüber der letzten Erhebung aus 2016 von 5 auf 7 % gestiegen. Bei einer Gesamtrate nosokomialer Infektionen von etwa 5 % durfte die absolute Zahl betroffener stationärer Patienten etwa bei insgesamt 800 000 liegen (2022 gab es 16,8 Millionen stationärer Patientenfalle). 7 %, das sind 56 000 Patienten, erlitten demnach eine primäre Blutstrominfektion, die als Gradmesser für Hygienedefizite angesehen werden kann und für die es nach wissenschaftlichen Studien das höchste Präventionspotenzial gibt.

Die Datenerhebung in Deutschland fand in den Monaten Mai bis Juli 2022 statt. Insgesamt wurden Daten von 252 Krankenhäusern und 66 586 beobachteten hospitalisierten Patienten in die Datenauswertung und -analyse eingeschlossen. Die Ergebnisse wurden im Abschlussbericht 2022 der Deutschen nationalen Punkt-Prävalenzerhebung zu nosokomialen Infektionen und Antibiotika-Anwendung veröffentlicht.

Rückgang der Verbräuche

Allerdings ist das Fazit der Studie positiver als das der Fachgesellschaft: „Wichtige Hygieneindikatoren, wie der Händedesinfektionsmittelverbrauch pro Patiententag sowie die Personalausstattung mit Hygienefachkräften und Krankenhaushygienikern, zeigten sich im zeitlichen Verlauf von 2011 bis 2022 signifikant verbessert“, heißt es im Studienbericht.

Dr. Walger betont indes, dass aus der Erfassung des Gesamtverbrauchs an Händedesinfektionsmitteln schwerlich auf die realen Anwendungen, die der WHO-Standard für Händedesinfektion vorgibt, geschlossen werden kann. Auch zeigen die regelmäßig erfassten Verbräuche im Rahmen zum Beispiel des Hand-KISS (Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System) des Nationalen Referenzzentrums für Surveillance von nosokomialen Infektionen einen deutlichen Rückgang der Verbräuche seit der Pandemie.

Laut KISS lag der Händedesinfektionsmittelverbrauch auf den Intensivstationen der Kliniken im Jahr 2024 bei 594 810 Litern. 2018 waren es noch 797 826 Liter. Pro Patiententag wurden 2020 156 ml verbraucht, 2024 nur noch 124 ml. Auf Normalstationen lag der Tagesverbrauch (pro Patiententag) 2020 bei 38 ml, 2024 nur noch bei 27 ml. 27 ml entsprechen neun Händedesinfektionen pro Tag. Man ahnt, so Walger, den Optimierungsbedarf.

Die Ursachen seien sicher vielschichtig und hätten auch mit Arbeitsüberlastung, Personalmangel und unzureichend qualifiziertem Ersatzpersonal zu tun. So müsse sich eine Pflegekraft, die auf einer Intensivstation arbeitet und mehrere schwerkranke Patienten gleichzeitig versorgt, während einer Schicht etwa 100- bis 200-Mal die Hände desinfizieren. „Das ist nicht nur mühsam für das Personal, sondern oft auch gar nicht umsetzbar“, weiß Walger. Aber zum Schutz der Patienten sei dies dringend nötig. Walger sieht indes noch einen anderen Grund für die nachlassende Sorgfalt bei der Händehygiene: Die Verunsicherung des Personals durch die Klinikreform und die prekäre wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser insgesamt. Kliniken gehen in die Insolvenz, andere fusionieren, schließen Abteilungen oder ganze Häuser. Das führe zu Frust und Zukunftsängsten beim Personal mit Auswirkungen auch auf das Arbeitsverhalten.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeine und Krankenhaushygiene (DGKH) versuche mit Aufklärung dagegen anzuarbeiten und sieht in der Arbeit der Hygienefachperson die entscheidende Basis für Qualitätsverbesserungen in der Zukunft.

„In der Öffentlichkeit hingegen ist das Thema Händehygiene vor der Pandemie noch recht unbekannt gewesen“, sagt Univ.-Prof. Dr. Alexander Mellmann, Direktor des Instituts für Hygiene am Universitätsklinikum Münster. Vor allem zu Beginn der Coronapandemie hätten Klinikmitarbeiter große Sorge gehabt, sich bei Patienten im Rahmen ihrer Tätigkeit selbst anzustecken. Mellmanns Team versuchte schon in den Anfängen der Pandemie durch intensive Aufklärung aller direkt am Patienten tätigen Mitarbeiter deren Fokus nicht nur auf den notwendigen Eigenschutz, sondern genauso stark auf die Sicherheit und den Schutz von Patientinnen und Patienten zu lenken. „Nach dem Patientenkontakt klappt die Händedesinfektion meist gut: Mitarbeiter wollen mögliche Keime nicht in der Klinik weitertragen, und sie wollen sich natürlich auch selbst nicht anstecken.“ Weniger gut gelinge die Umsetzung der Händehygiene bei sogenannten aseptischen Tätigkeiten, beispielsweise, wenn am Infusionssystem hantiert werde. „Wir machen aus diesem Grund im Klinikum sehr viele Hygienebegleitungen“, sagt Mellmann. Das bedeutet, dass Hygiene-Mitarbeiter die Klinikbeschäftigten bei ihrer Arbeit begleiten und direktes Feedback geben in Sachen Hygienecompliance. „Wir schulen situationsbezogen und patientennah.“ Alle Studien zum Thema Compliance bei der Händehygiene des Klinikpersonals hätten ergeben, dass diese immer verbesserungswürdig sei. „Und das ärztliche Personal hat immer eine etwas schlechtere Compliance als das pflegerische Personal“, so Mellmann.

Tanja Kotlorz