Thema des Monats

Ein Glück für Europa


Andreas Glück (50) ist Mitglied der Freien Demokratischen Partei (FDP) und seit 2019 Abgeordneter im Europäischen Parlament. Er gehört dort zur Fraktion Renew Europe. Andreas Glück ist Mitglied im Ausschuss für Umwelt, Klima und Lebensmittelsicherheit sowie stellvertretendes Mitglied im Gesundheitsausschuss und Industrieausschuss. Der Facharzt für Chirurgie ist nach wie vor am MVZ des Klinikum Reutlingen als Chirurg in Teilzeit tätig. Foto: privat

Eine ärztliche Sprechstunde auf der Schwäbischen Alb und das Europäische Parlament in Straßburg – ein größerer Gegensatz zweier Wirkungssphären ist kaum vorstellbar. Ein Arzt ist den Menschen sehr nah. Er behandelt ihre Krankheiten und Verletzungen, hört von Schmerz und Sorgen. Im EU-Parlament ist man von den Belangen der Menschen scheinbar weit entfernt.

Brüssel, New York, Reutlingen

Andreas Glück (FDP), seit 2019 Abgeordneter im Europäischen Parlament, ist in beiden Bereichen zuhause. Der EU-Parlamentarier ist der Medizin treu geblieben. Montags arbeitet er im chirurgischen MVZ der Kreisklinik Reutlingen. Der Familienvater pendelt zwischen Brüssel, Straßburg, New York und Reutlingen. Kurz vor seiner Abreise zur EP-Mission bei den Vereinten Nationen in New York nahm er sich Zeit für ein Gespräch mit der Redaktion „das Krankenhaus“.

Nomen est omen. Glücklich ist der, der liebt, was er tut. Im Gespräch mit Andreas Glück ist deutlich zu spüren: Er liebt seine Arbeit. Als Politiker und als Arzt, in Europa und auf der Schwäbischen Alb. Er gehört dort zur Fraktion „Renew Europe“, die sich aus liberalen und zentristischen Parteien aus verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten zusammensetzt.

Erdung als Chirurg

„Es ist mir sehr wichtig, diese Erdung durch den Arztberuf nicht zu verlieren“, so Glück. Er sieht aber auch viele Parallelen zwischen beiden Berufen: „Als Mediziner wie als Politiker muss man ein hohes Maß an Disziplin mitbringen.“ Und: „Man muss den Umgang mit Menschen mögen.“

In der Wahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger gibt es aber offenbar große Unterschiede zwischen Arzt und Politiker, berichtet Andreas Glück: „Das Vertrauen der Menschen gegenüber einem Arzt ist sehr groß. Wenn man den weißen Kittel auszieht und den Leuten als Politiker im grauen Anzug begegnet, sind sie viel kritischer und glauben erstmal gar nichts“, erzählt der EU-Parlamentarier. Die Arbeit im Sprechstundenbetrieb, wo es um Wundversorgung oder postoperative Nachsorge geht, will er nicht missen: „Das gibt mir unglaublich viel Kraft, die Erfolge der Genesung zu sehen.“

Den Menschen unmittelbar zu helfen sei aber auch als Europa-Parlamentarier möglich. Auch in der Politik könne man etwas bewirken, so Glück. „Was im Europäischen Parlament entschieden wird, hat einen direkten Einfluss auf unser Leben.“ Er nennt als Beispiele das Pharma-Paket und die Medizinprodukteverordnung: Hier gehe es darum, die medizinische Versorgung der Bürger sicherzustellen. „Das ist existenziell wichtig für die Patienten, das Medikament, das ihnen verschrieben wurde, auch in der Apotheke zu bekommen, oder dass das Medizinprodukt für Ihre Therapie zur Verfügung steht. Dafür müssen wir europäische Lösungen finden.“

Motivation: nicht klagen, sondern handeln

„Ich war in meinem Beruf als Chirurg immer sehr zufrieden“, sagt Glück. Die Politik habe aber in seinem Leben von klein auf immer eine Rolle gespielt. Am elterlichen Esstisch war Politik immer ein Thema. Dabei war klar: Sich nur zu beklagen und auf die Akteure zu schimpfen bringt nichts. „Wenn einem etwas gegen den Strich geht, muss man Verantwortung übernehmen und versuchen, die Dinge besser zu machen“, so Glück. Das war auch seine Motivation, 2009 für den Gemeinderat Münsingen zu kandidieren – mit Erfolg. Von 2014 bis 2019 war er stellvertretender Bürgermeister.

Da habe er erlebt, dass die Politik sogar Spaß machen kann: „Man kann eine gewisse Kreativität in der Problemlösung eher ausleben.“ Später kandidierte Glück – ebenfalls erfolgreich – für den Landtag in Baden-Württemberg. „Dort habe ich bei der Arbeit in den Ausschüssen oft gehört: Da kannst du nichts machen, das kommt aus Europa – als ob es etwas Gottgegebenes wäre, das man einfach akzeptieren muss. Mit dieser Art gefühlter Resignation wollte ich mich nicht abfinden.“

Politik müsse aus der Mitte der Gesellschaft kommen, beschreibt Glück ein weiteres Leitmotiv seines politischen Wirkens: „Ich bin als Demokrat zutiefst davon überzeugt, dass Politik nicht nur von Politikwissenschaftlern und Juristen gemacht werden sollte.“ Als sich die Möglichkeit ergeben hat, für das Europäische Parlament zu kandidieren, hat Andreas Glück es einfach versucht. Es hat geklappt: Ein Glück für Europa, möchte man kolportieren.

Der andere Blick auf die Politik

Sein Blick auf die Politik sei ein anderer, so Andreas Glück. Als Chirurg sei er zielgerichtetes, lösungsorientiertes Arbeiten gewöhnt: „Man kann Probleme nicht immer nur beklagen, man muss sie angehen und fragen, wie können wir es regeln. Dazu muss man einen gewissen Pragmatismus mitbringen, wenn es nicht sofort die hundertprozentige Lösung gibt.“

Er kennt die Politik auf fast allen Ebenen: als Kommunalpolitiker, Landtagsabgeordneter und als Abgeordneter im Europäischen Parlament. Wer, wenn nicht Glück, kann die Frage beantworten – Brauchen wir mehr Europa? Das sei die falsche Frage, sagt der Freidemokrat. Er glaube an ein Europa der Regionen. „Wir brauchen nicht überall ein bisschen mehr Europa. Wir brauchen eine starke EU an den richtigen Stellen.“ Die EU müsse nicht Fahrradstellplätze in der gesamten EU verordnen. „Das kann eine Gemeinderatssitzung besser regeln. Aber es gibt im Gesundheitsbereich viele Herausforderungen, die wir als Europäer besser gemeinsam angehen. Wenn etwa in allen Ländern viele Medikamente immer wieder nicht lieferbar sind.“

Auch die Forschung im Gesundheitsbereich müsse auf europäischer Ebene vorangebracht werden: „Forschung braucht große Mengen an Daten. Dafür haben wir den Europäischen Gesundheitsdatenraum. Davon werden auch die Patienten profitieren: Die Behandlung über Grenzen hinweg wird damit verbessert. „Bisher musste ich, wenn sich ein Patient im Skiurlaub in Österreich das Bein gebrochen hatte, zuhause die Diagnostik von vorne beginnen. Das ist ärgerlich, unnötig und ineffizient“, so Glück.

Es sei gut, dass ein Großteil der Gesundheitspolitik in den Mitgliedsstaaten gemacht werde. „Während der Coronapandemie haben wir aber feststellen müssen, dass wir mit damit nicht fertig werden, wenn jeder Mitgliedsstaat sein eigenes Süppchen kocht.“

Als Beispiel für zu strikte Regelungen vonseiten der EU nennt er die Zulassungsverfahren im Rahmen der Medizinprodukteverordnung: „Zu aufwendig, zu teuer, zu intransparent.“

Bei allem dürfe das Prinzip der Subsidiarität nicht aus dem Blick geraten: „Die Zusammenarbeit in der EU ist sehr wichtig. Wir sollten aber den Mitgliedsstaaten die Themen nicht vollständig entziehen und sie nicht aus der Verantwortung entlassen“, so Glück. Europa muss Rahmenbedingungen vorgeben, nicht jeden Aspekt der Umsetzung regeln.

Die eigene Verantwortung der Länder müsse erhalten bleiben. „Aber wir können in Europa viel voneinander lernen – auch in Bereichen, die auf nationaler Ebene geregelt werden.“ So seien die Niederlande beim Thema Hygiene vorbildlich und erfolgreich. Zum Thema Klima- und Hitzeschutz seien die Länder des Südens Vorreiter. „Wir müssen den Wissenstransfer organisieren und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass wir voneinander lernen.“

Andreas Glück (50) ist Mitglied der Freien Demokratischen Partei (FDP) und seit 2019 Abgeordneter im Europäischen Parlament. Er gehört dort zur Fraktion Renew Europe. Andreas Glück ist Mitglied im Ausschuss für Umwelt, Klima und Lebensmittelsicherheit sowie stellvertretendes Mitglied im Gesundheitsausschuss und Industrieausschuss. Der Facharzt für Chirurgie ist nach wie vor am MVZ des Klinikum Reutlingen als Chirurg in Teilzeit tätig.

Katrin Rüter, Chefredakteurin „das Krankenhaus“