Resilienz heißt nicht, einfach ein paar extra Kartons horten, sagt Christian Kaufmann, Leitung Geschäftsbereich Einkauf der Charité-Universitätsmedizin Berlin: „Es geht um Multi-Sourcing, Sicherheitsbestände, Substitutionslisten und ein wachsames Auge auf kritische Warengruppen.“ Foto: Charité.
Global verzahnte Lieferketten, neue Zölle und Gegenmaßnahmen der EU: Lieferengpässe, Änderungen im Vergaberecht: Wirkt die Geopolitik auf Einkauf und Beschaffung im Krankenhaus?
Corona und der Beginn des Ukraine-Kriegs haben uns deutlich aufgezeigt, wie zerbrechlich unsere Lieferketten sind. Die Nachfrage stieg sprunghaft, auch deutlich über den eigentlichen Bedarf. Das befeuerte die Preise, Panik und Hamsterkäufe trieben das zusätzlich an.
Aktuell gibt es wieder Spannungen in erdölliefernden Regionen. Die betreffen dann möglicherweise vor allem Energie und Rohstoffe, aber indirekt spürt das dann auch der Einkauf.
Man muss heute noch genauer hinschauen und globale Entwicklungen einschätzen. Am Ende hängt alles mit allem zusammen – wir als Kliniken, die Lieferanten, die Politik, die Gesellschaft.
Das Thema „Resilienz“ ist auch in der Krankenhausbranche allgegenwärtig. Was ergibt sich daraus für das Beschaffungsmanagement?
Resilienz heißt nicht, einfach ein paar extra Kartons horten. Es geht um Multi-Sourcing, Sicherheitsbestände, Substitutionslisten und ein wachsames Auge auf kritische Warengruppen.
Welche Engpässe ergeben sich, welche sind derzeit am kritischsten?
Die Versorgungslage ist besonders in Nischenbereichen und bei hochspezialisierten Produkten angespannt. Hier fehlt es noch an unterstützenden Systemen und an einem umfassenden Marktüberblick. Im Gegensatz zu Arzneimitteln gibt es für Medizinprodukte in Deutschland kein vergleichbares öffentliches Meldesystem für Lieferengpässe. Die Engpässe sind hier oft schleichend und betreffen eher die dauerhafte Marktverfügbarkeit als temporäre Lieferschwierigkeiten.
Der wirtschaftliche Druck auf Krankenhäuser steigt. Welche Möglichkeiten hat das Beschaffungsmanagement, dem zu begegnen?
Wir versuchen in Formen neuer Zusammenarbeit zu denken: Multi-Sourcing, Total Cost of Ownership, Value-based Procurement, Kosten-Nutzen-Abwägungen bei Innovationen – und das alles bei einem Blick auf die Budgets, die oft sowieso schon knapp sind. Der Investitionsstau der Bundesländer verschärft das zusätzlich. Versorgung sichern, auch wenn Mittel begrenzt sind, wird immer mehr zur Herausforderung.
Hier laden wir die Lieferanten ein, mit uns Industrie- oder Innovationspartnerschaften als neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln.
Welche Rolle spielt die Digitalisierung im Einkauf Ihres Hauses?
Digitalisierung ist für uns ein echtes Hilfsmittel. Das fängt bei der systemseitigen Bedarfserfassung an. Entweder durch Anlegen eines Einkaufswagens oder durch automatisierte, verbrauchsabhängige Bestellprozesse. Dafür sind gepflegte Stammdaten das A und O. Hier kann man immer besser werden und der Einsatz von KI kann sinnvoll sein. Mehr als 70 % unserer Bestellungen laufen heute schon automatisiert.
Komplexere Vorgänge, beispielsweise mit mehrstufigen Genehmigungen, stellen uns noch vor Herausforderungen. Das wollen wir mit einer neuen Einkaufsplattform verbessern.
Kommen auch KI-Tools zur Anwendung?
Aktuell noch nicht, aber das soll sich mit unserer neuen Einkaufsplattform ändern. Manche Anwenderinnen haben verständlicherweise die Erwartungshaltung „Shopping like Amazon oder Zalando“. Davon ist der Klinikeinkauf aktuell noch weit entfernt.
Spielt klassische Lagerhaltung heute eine größere Rolle?
Sicherheitsbestände sind nach wie vor zentral, vor allem bei kritischen Produkten. Die können sowohl in unserem Zentrallager als auch direkt in den Kliniken vorgehalten werden. Verstärkt teilen wir uns hier das Risiko durch verbindliche Abnahmemengen bei Lieferanten.
Wie kommunizieren Sie mit den „Usern“ der Produkte im Haus?
Ohne engen Austausch mit allen Beteiligten geht es nicht. Wir müssen aber vorher realistisch einschätzen, wer welche Informationen benötigt und haben entsprechend auf die Nutzergruppen abgestimmte Konzepte.
Wie relevant sind Fragen der Nachhaltigkeit im Einkauf – treten diese in den Hintergrund angesichts drängenderer Probleme?
Der Gesundheitssektor verursacht etwa 5 bis 7 % der gesamten Co2-Emmissionen in Deutschland und verbraucht enorme Mengen an Energie, Wasser und Material. Nachhaltigkeit heißt auch nicht zwangsweise, dass alles teurer wird. Aber Nachhaltigkeit muss auch mess- und objektiv bewertbar sein. Hier ist meines Erachtens die Politik gefragt das mit viel mehr Nachdruck von den Produzenten einzufordern. Der Budgetdruck ist hingegen real. Gerade als öffentlicher Auftraggeber müssen wir unsere Verfahren transparent und nachvollziehbar gestalten und gleichzeitig einen möglichst großen Wettbewerb zu lassen. Daran haben wir uns bei der Entwicklung von ersten Standards für Auftragsvergaben orientiert.
Welche Rolle spielt Value-based Procurement heute?
Noch eine relative kleine. Value-based Procurement klingt gut, ist aber schwer umzusetzen, weil Outcome-Daten fehlen oder Studiendaten nur vom Hersteller vorliegen. Außerdem sind Vergleiche zwischen Kliniken schwierig. Gleichzeitig erleben wir eine enorme Innovationsdynamik im Markt – neue Produkte, neue Verfahren, kürzere Innovationszyklen. Das ist medizinisch spannend und oft auch sinnvoll. Aber jede Innovation bringt zunächst Unsicherheit mit sich: Wie belastbar ist die Evidenz? Wie schnell amortisiert sich das? Und passt das überhaupt in unsere Vergütungssystematik? Zwischen echtem Mehrwert und gut gemachtem Marketing zu unterscheiden, ist im Moment wahrscheinlich eine der anspruchsvollsten Aufgaben im Einkauf.
Die Fragen stellte Katrin Rüter, Chefredakteurin das Krankenhaus
Resilienz heißt nicht, einfach ein paar extra Kartons horten, sagt Christian Kaufmann, Leitung Geschäftsbereich Einkauf der Charité-Universitätsmedizin Berlin: „Es geht um Multi-Sourcing, Sicherheitsbestände, Substitutionslisten und ein wachsames Auge auf kritische Warengruppen.“ Foto: Charité.