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„Die Reha-Patienten werden künftig akutnäher sein“


Prof. Dr. Marc A. Baenkler, CEO Deutschland der Median Group, fordert, dass den Reha-Kliniken gute Ergebnisqualität honoriert wird. Foto: Median Group

Im Gespräch mit Prof. Dr. Marc A. Baenkler, CEO Deutschland der Median Group

Coronapandemie, Energiekrise und Inflation haben auch den Reha-Kliniken zugesetzt. Ist die Branche jetzt wieder im Aufwind?

Wir sehen aktuell Antrags- und Bewilligungszahlen wie in der Zeit vor der Pandemie und sind damit nahezu an dem Niveau angelangt, wie es 2019 war.

Ist die neue Vergütung für Reha-Leistungen durch die Deutsche Rentenversicherung eine echte Revolution in diesem Jahr?

In Sachen Reformbedarf ist gerade das Jahr 2025 ein sehr spannendes Jahr, weil das Vergütungsverfahren zum 1. Januar 2026 komplett verändert wird. Dort hat der Gesetzgeber der Deutschen Rentenversicherung und allen Leistungserbringern in das Lastenheft geschrieben, bis zum Ende des Jahres 2025 ein neues transparenteres Vergütungsverfahren zu etablieren. Den Schritt hat die Deutsche Rentenversicherung jetzt vollzogen und ein völlig neues Verfahren aufgesetzt, das ähnlich funktioniert wie das DRG-System. Es gibt eine indikationsspezifische Basisvergütung, die für ganz Deutschland identisch ist. Und diese kann dann noch Zusätze enthalten. Die Reha-Kliniken müssen Kalkulationen vorlegen und echte Ist-Kosten liefern. Im Mai mussten wir alle unsere Kalkulationen und Kosten an die Kostenträger übermitteln. Bis zum Ablauf dieses Jahres werden wir dann in Verhandlungen mit den Kostenträgern treten und mit der Deutschen Rentenversicherung final verhandeln. Dann wissen wir, wo es hingeht mit der Vergütung im kommenden Jahr. Auf Seiten der Deutschen Rentenversicherung hat man die formellen Schritte gemacht. Das Ergebnis kennen wir fairerweise alle noch nicht.

Was heißt das für die Median-Kliniken?

Das können wir jetzt noch nicht sagen, weil wir nicht wissen, inwieweit Sondersachverhalte vergütet werden. Solche Sondersachverhalte sind zum Beispiel Projekte der Nachhaltigkeit, wie bei uns etwa Photovoltaik-Anlagen, in die wir investiert haben. Wir hoffen, dass unsere Investitionen belohnt werden, indem wir höhere Vergütungen bekommen. Oder, wir verfügen auch über Innovationen, die in unserer eigenen Forschungs- und Innovationsabteilung entwickelt wurden und werden – darunter beispielsweise der Einsatz von Virtual Reality bei Abhängigkeitserkrankungen oder Phobien oder die digitale Nachsorge in unserer eigens entwickelten App. Auch hier hoffen wir auf eine entsprechende Vergütung. Im Großen und Ganzen stehe ich der Reform seitens der Deutschen Rentenversicherung eher positiv gegenüber. Aber wir sind noch nicht in den Verhandlungen.

Werden die Reha-Kliniken auch von den Soforthilfen in Höhe von vier Mrd. € profitieren, die von der Bundesgesundheitsministerin für den Herbst in Aussicht gestellt wurden, zur finanziellen Stabilisierung der Kliniken?

Ich habe eine Einschätzung und eine Hoffnung dazu. Meine Hoffnung ist, die Reha-Kliniken davon auch profitieren werden, meine Einschätzung ist, dass das nicht geschehen wird. Diese Soforthilfen sind offenbar eher für den Akutsektor geplant, der angesichts der bevorstehenden Krankenhausstrukturreform allerdings auch unter einem anderen Stressniveau steht. Die Reha-Kliniken hätten allerdings auch Unterstützung verdient. Auch wir sind im Reha-Sektor von den regulatorischen Veränderungen der Akutmedizin betroffen, daher wäre es folgerichtig, den Reha-Sektor auch von den Akuthilfen profitieren zu lassen.

Die Reha-Kliniken stehen eher nicht im Fokus der Krankenhausstrukturreform. Zum Glück?

Was mir fehlt bei der Klinikreform des Bundes ist eine Auswirkungsanalyse. Bei einer gesetzlich beschlossenen Reform müssen die Auswirkungen auf alle Glieder einer Versorgungskette beobachtet werden. Im Sinne des Patienten sollte die wirksamste Versorgung seiner Erkrankung in unserer Versorgungskette Priorität haben. Der Gesetzgeber verändert die Versorgungskette an einem Kettenglied ganz massiv und die anderen Kettenglieder werden aber nicht richtig mitgedacht. Das ist die Kritik, die ich an der Reform habe. Die Auswirkungen auf die anderen von der Reform an einem Kettenglied ebenso betroffenen Glieder hätte man mitdenken müssen und können.

Welche Herausforderungen kommen auf den Reha-Sektor durch die Klinikreform zu?

Median macht sich auf den Weg, denn die Reform ist beschlossen. Es wird im Herbst vielleicht nochmal eine Überarbeitung geben, ich erwarte aber keine Revolution der Reform. Ich nehme an, dass sie weitestgehend wie bisher geplant in der Akutversorgung kommen wird. Damit sind die Auswirkungen für uns als Reha-Betreiber klar absehbar.

Wir als Reha-Kliniken werden eine Lücke schließen müssen, die sich als Folge der Reform ergeben wird. Eine Auswirkung wird eine deutliche Verkürzung der Akut-Liegedauer sein. Das wird sozialmedizinisch eine große Herausforderung werden, der Patient muss auf die Welt nach dem Akuteingriff vorbereitet werden. Das wird unsere immer größere Aufgabe werden. Wir müssen den Menschen hier als Ganzes betrachten und wieder zurückführen zur Teilhabe am Leben und am Berufsleben. In 18 Monaten wird sich diese Lücke schon auftun und diese kann nur die Rehabilitation schließen. Wir machen uns schon ganz bewusst auf den Weg, um uns vorzubereiten. Die Reha-Patienten werden künftig akutnäher sein, das wird einhergehen mit einem höheren Pflegeaufwand. Wir werden uns in der medizinischen Versorgung noch mehr mit den Akutkliniken synchronisieren müssen und bewusst auf Konzepte setzen, die in Richtung Pflege gehen.

Orthopädie-Patienten mit neuen Gelenken kommen oft schon am dritten postoperativen Tag zu uns, andere kommen noch am siebten oder achten Tag. Hier sehen wir eine deutliche Beschleunigung, der dritte Tag wird voraussichtlich der Standard werden. Unsere Herausforderung bei solchen Fast-Track- Patienten ist zum Beispiel, dass wir mehr Labordiagnostik vorhalten müssen, um postoperative Infektionen schnell zu erkennen. Wir werden Entzündungsparameter bestimmen müssen, die sonst am dritten, vierten oder fünften postoperativen Tag in der Klinik gemacht werden. Hier werden wir uns apparativ besser ausstatten müssen. Unser Personalmix wird sich vermutlich Richtung Pflege verschieben müssen, weil wir anteilsmäßig mehr Pflegekräfte benötigen werden. Wir möchten vermeiden, dass eine Verlegung in die Reha-Klinik eine Unterbrechung der Therapie bedeutet. Die Reha wird dann den pflegerischen Teil fortsetzen, der sonst in der Akutklinik geschehen wäre.

Dabei können auch neue Versorgungsmodelle wie der Einsatz von Physician Assistants einen wertvollen Beitrag leisten, die in der Akutmedizin bereits ein häufiger anzutreffendes Berufsbild sind, jedoch auch in der Rehabilitation akutnahe Leistungen übernehmen können.

Die Reha-Kliniken fordern mit Nachdruck, in der Pflege ausbilden zu dürfen. Würde dies die Personalknappheit in Reha-Kliniken lindern?

Ich möchte die Frage umdrehen: Welchen Grund gibt es, einer Reha-Klinik die Ausbildungsmöglichkeit vorzuenthalten? Da fällt mir gar kein Argument ein. Der Fachkräftemangel ist real und mehr Ausbildungsstätten, in denen die Praxis von den dringend benötigten Expertinnen und Experten von morgen erlernt werden kann, können für die Bewältigung nur hilfreich sein.

Welche weiteren Strategien der Personalgewinnung gibt es?

Wir pflegen beispielsweise auch enge Partnerschaften in der Physio- und Ergotherapie mit vielen Instituten, im Bereich der Psychologie sind wir deutschlandweit mit vielen Partnern im Austausch. Wir sind auch Ausbildungsstätte nach der neuen Weiterbildungsordnung in der psychologischen Psychotherapie. Da gibt es in Deutschland noch nicht viele und das macht uns als Arbeitgeber attraktiv.

Bei uns werden Menschen nicht nur wenige Tage während eines Akutgeschehens begleitet, sondern über viele Wochen hinweg. In der Reha wird der Mensch als Ganzes und als Individuum betrachtet und das schätzen viele Mitarbeitende aus verschiedensten Berufsgruppen bei uns.

Nochmal zurück zum KHVVG. Welche Bedeutung werden die Sektorübergreifenden Versorgungszentren (SÜV) für die Reha-Kliniken haben?

Die Sektorübergreifenden Versorgungszentren werden eine große Rolle spielen. Noch müssen wir aber abwarten, welche Bescheide den Kliniken von den Landesgesundheitsministerien erteilt werden und wo solche Zentren dann letztlich entstehen werden. In den kommenden 18 Monaten werden Versorgungsketten in Deutschland auf jeden Fall neu gedacht und etabliert werden müssen. Die Reha ist dabei ein ganz wesentlicher Bestandteil dieser Versorgungszentren.

Welche Chance bietet generell der Trend zur Ambulantisierung für die Reha?

Den echten Gamechanger sehe ich nicht in der Ambulantisierung, sondern in der Digitalisierung in der Reha – vor allem im Bereich der digitalen Nachsorge. Wir haben vor vielen Jahren schon mit der Digitalisierung begonnen und die Deutsche Rentenversicherung hat das auch schon sehr früh eingefordert und finanziert. Nach dem stationären Aufenthalt in der Reha-Klinik hat man die Möglichkeit einer Nachsorge, entweder ambulant oder digital. Eine ambulante Nachsorge wird meist weniger in Anspruch genommen, aber die Rehabilitanden profitieren medizinisch und sozial von einer Nachsorge, können diese aber oft nicht wahrnehmen beispielsweise aus beruflichen Gründen. Unsere digitale Nachsorge wird dagegen gut angenommen, daher konnten wir die Nachsorgequote deutlich steigern und damit den langfristigen Rehabilitationserfolg ebenfalls. In unserem Digitalen Nachsorgezentrum haben wir ein Team von 60 Mitarbeitenden, das komplett remote arbeitet. Den Rehabilitanden wird eine App zur Verfügung stellt, in der Übungen und Lerneinheiten hinterlegt sind, die individuell auf die Patienten zugeschnitten sind. In der App gibt es zudem einen engen Austausch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über digitale Kommunikationskanäle wie Videocalls, per Chat oder auch telefonisch. Dabei können die Rehabilitanden Fragen stellen, bekommen Feedback und das Trainingsprogramm kann im Verlauf der Nachsorge an die Bedürfnisse der Patienten angepasst werden. Eine Verkürzung des stationären Reha-Aufenthalts geht damit nicht einher. Die digitale Nachsorge ist eine Ergänzung und verstetigt die Fortschritte aus dem Klinikaufenthalt.

Gibt es weitere neue Trends in den Reha-Kliniken?

Wir erleben momentan eine sehr große Welle an Innovationen, die für den Rehabilitationserfolg sehr zuträglich sind. In unserer Abteilung Forschung und Innovation haben wir ein sehr reges Team, das weltweit die technischen und digitalen neuen Entwicklungen beobachtet. Wie bereits erwähnt, haben wir zum Beispiel die Virtual Reality (VR) in Therapien eingeführt. Bei manchen Krankheitsbildern kann man VR extrem gewinnbringend einsetzen, zum Beispiel in der Psychosomatik bei Angsterkrankungen wie Höhenangst oder der Angst vor Menschenmengen. Der Angst kann man sich in der virtuellen Umgebung in einem sicheren Setting unter Beobachtung eines Profis exponieren. Studien belegen, dass dadurch ein deutlicher Therapieerfolg erreicht werden kann. Wir haben die Deutsche Rentenversicherung überzeugt, diese Therapien zusätzlich zu vergüten, weil der Nutzen gesehen wird. Auch bei Suchterkrankungen setzen wir VR ein, es ist erwiesen, dass der Suchtdruck durch die virtuellen Brillen genauso ausgelöst werden kann, wie in einer realen Situation, sodass auch hier mit den Betroffenen geübt werden kann, diesem Druck zu widerstehen und Verhaltensalternativen anzuwenden.

Wie sind die Median-Kliniken in puncto Qualität aufgestellt?

Es gibt die üblichen externen Qualitätsparameter, denen wir regulatorisch unterlegen sind, beispielweise haben wir ein QM-System und wir sind zertifiziert. Darüber hinaus verlangt die Deutsche Rentenversicherung die Messung einiger Qualitätsparameter von uns, allem voran zur Therapiedichte und dem Leistungsumfang. Die Daten der eingereichten Parameter aller Rehabilitationskliniken werden von der Deutschen Rentenversicherung mit einem deutlichen Zeitverzug von drei Jahren veröffentlicht. Darüber hinaus messen wir unsere Qualität anhand derselben Parameter Therapiedichte und Leistungsumfang – allerdings tagesaktuell – sowie zusätzlich Patient-Reported Outcome Measures (PROMs) und Clinical Research Operation Management (CROMs), sodass wir echte Ergebnisparameter erhalten. Wir messen den Rehabilitationserfolg also über die gesetzlichen Vorgaben hinaus mit mehr als 60 freiwillig erhobenen Qualitätsparametern. Wir wollen unser Rehabilitationsziel maximal erreichen. Ich würde mir wünschen, dass gute Ergebnisqualität auch honoriert wird, beispielsweise im Sinne von Pay-For-Performance. Am Ende ist entscheidend, inwieweit wir die Gesundheit des Patienten verbessern konnten. Das ist ja unser Kernauftrag. Voraussetzung dafür wäre allerdings erstmal die Einigung auf geeignete Ergebnisparameter, anhand derer sich alle Betreiber messen lassen müssten.

Die Median Group ist auch ins Ausland expandiert, versorgt in Großbritannien und Spanien Patienten. Welche Unterschiede gibt es dort im Vergleich zu dem deutschen Markt?

Wir profitieren vom fachlichen Austausch. Es gibt ein internationales Medical Board, wo Vertreter aus Großbritannien und Spanien dabei sind und sich austauschen. Es ist schon interessant, dass Krankheitsbilder in den jeweiligen Gesundheitswesen sehr unterschiedlich behandelt werden. Das Krankheitsbild weiß aber garantiert nicht, ob es einen Menschen in Deutschland, UK oder Spanien befallen hat. Der Austausch zu den Behandlungspfaden und Best Practices in den jeweiligen Ländern erweitert den Horizont und bietet uns andere Möglichkeiten, über Therapieoptionen nachzudenken.

In Großbritannien zum Beispiel ist die Transkranielle Magnetstimulation (TMS) bei Depressionen sehr weit verbreitet und wurde in Deutschland erst vor Kurzem in den Leitlinien aufgewertet. Wir setzen diese Magnetstimulation in Deutschland bisher in einer Klinik ein und mit den Erfahrungen der Kollegen in UK wollen wir die Therapie in Deutschland noch in weiteren Reha-Kliniken der Median Group anbieten.

Das Gespräch führte Tanja Kotlorz