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Thema des Monats

Der Blick über den Tellerrand


Im Guangdong Provincial Hospital of Chinese Medicine. Foto: Krü

von Dr. Lukas Illini, Tatjana Dunkel, Signe Schönborn und Michael Draheim

Die deutschen und die chinesischen Gesellschaften – und mit ihnen ihre Gesundheitssysteme – unterscheiden sich in kulturellen Prägungen, historischen Entwicklungen und einer Vielzahl an gewachsenen Strukturen. Auf der Gesundheitssystemebene gehen damit Differenzen in Versorgungsstrukturen, Patientenpfaden sowie Regulierungs- und Vergütungsmechanismen einher, welche die tägliche Arbeit und die strategische Ausrichtung von Gesundheitsorganisationen prägen. Beim Blick in die Behandlungszimmer, Apotheken, Ambulanzen und Stationsbereiche zeigt sich jedoch besonders eindrücklich: Die Herausforderungen der Institutionen, die Erwartungen der Patienten und die Bedarfe der Mitarbeitenden liegen erstaunlich nah beieinander. 

Die Lebenserwartung der chinesischen Bevölkerung liegt mit rund 79 Jahren knapp unter der deutschen. Gleichzeitig befindet sich China in einem demografischen Wandel mit ähnlichen Konsequenzen wie in Deutschland: Eine kleine junge Bevölkerungsgruppe muss eine große ältere versorgen.  Die Gesundheitsausgaben spiegeln die strukturellen Unterschiede wider: China investiert rund 6,7 % seines Bruttoinlandsprodukts in Gesundheit, Deutschland etwa 12,5 %. Mit rund 1,4 Milliarden Menschen verfügt die chinesische Bevölkerung über etwa 17-mal so viele Einwohner wie Deutschland.   Dies spiegelt sich beispielsweise in der Anzahl der vorhandenen Krankenhäuser (38 710 vs. 1 841) und der stationären Behandlungsfälle (311,92 Millionen vs. 17,5 Millionen) wider.  Die absoluten Zahlen zeigen deutliche Differenzen, in Relation sind die Verhältnisse überraschend ähnlich.

Ein besonderes Merkmal des chinesischen Gesundheitssystems ist die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM): Rund 100 000 TCM-Einrichtungen mit mehr als 50 Millionen stationären Fällen zeigen die tiefe Verankerung dieser alternativen Versorgungspraxis, insbesondere in integrativen Versorgungsmodellen, wie etwa in der Schmerzmedizin, Onkologie und Rehabilitation.

Der Blick über den eigenen Tellerrand eröffnet deshalb nicht nur Verständnis, sondern auch Chancen – und macht sichtbar, dass beide Systeme voneinander lernen können. Die Autoren haben nachfolgend einige Bereiche zusammengetragen, in denen es sich lohnt, zukünftig weiter über Zusammenarbeit nachzudenken. 

Was können wir von China lernen?

Vor Ort erleben wir regelmäßig die Mitarbeitenden in chinesischen Gesundheitseinrichtungen und ihre Arbeitsmotivation. Der Wille, Dinge zu verändern und Projekte voranzubringen, beeindruckt immer wieder. Das Tempo, mit dem Projekte initiiert und Entscheidungen umgesetzt werden, ist bemerkenswert. Die Geschwindigkeit, mit der operative Informationen und Abstimmungen in einem 3.000 Betten Krankenhaus erfolgen, würden wir uns in Deutschland vielfach auch in Kliniken mit einem Zehntel dieser Größe wünschen. 

Wenig überraschend ist die Digitalisierung in China in vielen Bereichen deutlich weiter vorangeschritten. Digitale Prozesse – von der Patientenaufnahme inklusive Self-Check-In bis hin zur Befundübermittlung via QR-Codes sind seit Jahren selbstverständlich. Auch der Einsatz Künstlicher Intelligenz ist in China ein wichtiges Thema und wird zunehmend in Behandlungsabläufe integriert. KI-Modelle, die jahrhundertealtes Wissen traditioneller Heilverfahren systematisieren und in diagnostische Entscheidungsprozesse einbeziehen, sind bereits im klinischen Alltag zu beobachten. Dies führt zu einer Beschleunigung der Diagnostik und einer Reduktion des benötigten Qualifikationsniveaus der (erst-)diagnostizierenden Mitarbeitenden. Die Verschlankung von Arbeitsprozessen bei knappen Personalressourcen durch Digitalisierung – so scheint es gelingen zu können. Gleichzeitig sind bis zur durchgängigen Digitalisierung noch Anstrengungen zu unternehmen. Analoge Patientenakten auf Station und der papierbasierte „Datenaustausch“ mit Krankenkassen existieren teilweise parallel zu hochdigitalisierten Anwendungen – nicht selten auf derselben Station.

Aus Sicht deutscher Investoren gewinnt der chinesische Gesundheitsmarkt zunehmend an Attraktivität. Projekte wie der Aufbau von Gesundheitszentren sowie Krankenhäusern durch private Betreiber – wie etwa die in Deutschland ansässige Klinikgruppe Artemed SE – zeigen, dass die Verknüpfung von deutschem Medizin- und Management-Know-how und die Anbindung chinesischer Partner vor Ort erfolgreich sein kann. Wir erwarten, dass die Öffnung des chinesischen Gesundheitsmarkts in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird. Der Bedarf an Wissen in Deutschland und Europa über regionale Versorgungsbedarfe in China sowie Nachfrageprognosen auf medizinischer Ebene wird weiter an Bedeutung gewinnen. Nur wer den komplexen chinesischen Gesundheitsmarkt versteht und weiß, in welche Regionen, Fachgebiete und Krankenhaustypen es sich lohnt zu investieren, kann langfristig bestehen.

Auch für die europäische Medizintechnik eröffnen sich neue Chancen im chinesischen Umfeld. Sonderhandelszonen, wie der Hainan Free Trade Port, bieten deutlich vereinfachte Zulassungsverfahren für innovative Medizintechnik im chinesischen Markt. Insbesondere für deutsche Hersteller, deren Medizinprodukte weiterhin hohes Ansehen genießen, eröffnet sich damit ein strategischer Vorteil. Verkürzte Zulassungswege ermöglichen einen beschleunigten Markteintritt und die Möglichkeit, innovative Verfahren unmittelbar in der klinischen Praxis zu erproben. Die Potenziale und Herausforderungen solcher Kooperationen sind seit zwei Jahren auch Thema beim Deutsch-Chinesischen Krankenhaustag, den wir im Rahmen des Deutschen Krankenhaustages auf der MEDICA veranstalten. Diesen möchten wir in Zukunft zu der zentralen Austauschplattform zwischen dem deutschen und dem chinesischen Gesundheitswesen etablieren.

Im Gegensatz zum deutschen Gesundheitssystem, welches sich auf die Beseitigung von Krankheiten fokussiert, setzt das chinesische System konsequent auf deren Vermeidung. Im Rahmen der Delegationsreise “Experience Chinese Medicine” stellte Andrea Galle (Vorständin der mkk-meine Krankenkasse) fest, dass Prävention in China nicht allein als staatliche Aufgabe verstanden wird, sondern tief in die Versorgungslogik integriert ist: Kliniken sind ausdrücklich dafür zuständig, die Krankheitslast in ihrer Region aktiv zu reduzieren.  Diese Grundhaltung findet sich in Programmen, Screening-Initiativen und präventiven Behandlungspfaden in chinesischen Krankenhäusern wieder, die in Deutschland bislang kaum etabliert sind. Angesichts der Zunahme chronischer Erkrankungen erscheint eine stärkere Verankerung von Prävention auch in der deutschen Krankenhauslandschaft dringend geboten. 

Ein präventiv ausgerichteter Versorgungsansatz, der die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) integriert, eröffnet erhebliche Chancen für Akteure im deutschen Gesundheitssystem. Die TCM ist über Jahrhunderte gewachsen, fest in der chinesischen Bevölkerung verankert und wird zunehmend mit gesundheitswissenschaftlichen Methoden systematisch untersucht und bewertet. Diese Zusammenarbeit hat in den vergangenen Jahren konkrete Formen angenommen, unter anderem durch die regelmäßig stattfindende Deutsch-Chinesische Konferenz für Traditionelle Chinesische Medizin. Darüber hinaus entwickeln sich gezielte Forschungskooperationen zwischen der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin der Evangelischen Kliniken Essen-Mitte und dem Guangdong Provincial Hospital of Chinese Medicine in Guangzhou. Auch das Charité Competence Center für Traditionelle und Integrative Medizin steht in engem fachlichem Austausch mit diesem Partner. Insbesondere in der Versorgung chronisch erkrankter Menschen zeigen sich die besonderen Stärken naturheilkundlich-integrativer Konzepte. Hier besteht im deutschen Gesundheitssystem weiterhin eine relevante Versorgungslücke, die durch strukturierte, multimodale Ansätze aus der Naturheilkunde und der chinesischen Medizin sinnvoll ergänzt werden kann. 

In Deutschland würden sich Sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen (SÜVs), ideal für diesen präventiv ausgerichteten Versorgungsansatz eignen. Diesen Gesundheitsversorgern sollte es ermöglicht werden, umfassende Präventionsmaßnahmen und Maßnahmen zum Aufbau von Gesundheitskompetenz für die Bevölkerung anzubieten. Entsprechende Konzepte werden derzeit im Rahmen des DCG-Health Projektes “Integrative Medizin zur Primärprävention an sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen (iSÜVs)” entwickelt.

Und was lernen Akteure in China von Deutschland?

Das deutsche System der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen ist weltweit besonders. Die klar definierten Rollen von Krankenkassen, Leistungserbringern und staatlichen Institutionen schaffen aus unserer Sicht ein ausgewogenes Verhältnis von Regulierung, Transparenz und Mitgestaltung. Diese Strukturen einschließlich der hoch professionalisierten fachlichen Diskussions- und Entscheidungsprozesse stoßen bei chinesischen Partnern auf großes Interesse. 

Ähnlich ausgeprägt ist das Interesse an der Ausgestaltung des deutschen DRG-Systems. Viele chinesische Häuser betrachten dieses System als Vorbild, sowohl zur Effizienzsteigerung als auch zur Transparenz der Leistungserbringung. Nach der breiten Einführung von DRG-ähnlichen Vergütungssystemen stellen chinesische Partner in jüngerer Vergangenheit bekannte Fragen: Wie werden Krankenhäuser operativ unter erhöhtem Kostendruck geführt? Welche Kennzahlensysteme kommen in Deutschland zum Einsatz? Wie wird die Verweildauer reduziert bzw. gesteuert? 

Ein weiteres Interesse gilt der Etablierung wissenschaftlicher Standards und dem Aufbau gemeinsamer Forschung. Hier begleiten wir Gespräche zu gemeinsamen Forschungsprogrammen und zum Transfer von Methodenwissen zur evidenzbasierten Medizin und zu randomisierten Studien. Dies ist insbesondere relevant, um Verfahren der TCM international wissenschaftlich zu fundieren und deren Wirksamkeit und Effektivität auch nach Kriterien der evidenzbasierten Empirie nachzuweisen.

Wir unterstützen diesen Austausch praktisch im Rahmen von Delegationsreisen, strukturierten Fortbildungsprogrammen und Summer Schools, um Mitarbeitenden des operativen Krankenhausmanagements Themen wie die deutsche Qualitätssicherung, medizinisch-technische Standards, pflegewissenschaftliche Standards und Methoden des Krankenhausmanagements näherzubringen und mit ihnen zu diskutieren. Die Kolleginnen und Kollegen aus China zeigen sich dabei hoch interessiert und offen, Methoden aus Deutschland kennenzulernen und zu verstehen. 

Fazit

Das deutsche und das chinesische Gesundheitssystem können viel voneinander lernen. Beide haben unterschiedliche Stärken, Herausforderungen und Entwicklungsgeschwindigkeiten – und genau darin liegt das große Potenzial.

Das chinesische Gesundheitswesen hat in den vergangenen Jahren enorm an Dynamik, Modernität und Innovationskraft gewonnen. Die Geschwindigkeit, mit der neue Konzepte getestet und umgesetzt werden, beeindruckt. Zu Beginn unserer Tätigkeit stand vor allem das Interesse chinesischer Partner am europäischen Gesundheitssystem im Vordergrund. Dieses Interesse besteht weiterhin, doch die Themen haben sich gewandelt. Im Jahr 2025 geht es zunehmend weniger um die reine Adaption westlicher Strukturen, sondern stärker um bilateralen Austausch, gemeinsame Projekte und die wissenschaftliche Weiterentwicklung. 

Die Offenheit und der Mut zum Wandel haben nach unserer Einschätzung dazu geführt, dass China Deutschland in einzelnen Bereichen bereits überholt hat. Für Deutschland ist es daher an der Zeit, den Blick wieder konsequent über den eigenen Tellerrand hinaus zu richten. Wir müssen wieder offen werden auch von anderen Systemen zu lernen. Wir sind (nicht mehr) in allen Bereichen der Gesundheitsversorgung die Besten und haben eigene Hausaufgaben nachzuarbeiten. Innovation und Weiterentwicklung entstehen nicht durch Abschottung und Desinteresse, sondern durch Austausch und Offenheit. Nicht alles muss neu erfunden werden – manchmal reicht es, von anderen zu lernen. 

Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und China im Gesundheitswesen steht noch am Anfang. Schon jetzt zeigt sich aber: Sie ist ein Gewinn für beide Seiten.

Literaturverzeichnis 

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (2017): Demografischer Wandel in Japan, China und Deutschland. Vergleichbare Trends in unterschiedlichen Kulturkreisen. In: Schlaglichter der Wirtschafts-politik 06-2017, S. 1–7. 

Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025a): Entwicklung der Lebenserwartung in Deutschland. 

Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025b): Gesundheitsausgaben in Deutschland. 

Nationale Gesundheitskommission Chinas (2025): Veröffentlichung des Statistikberichts über die Entwicklung des Gesundheitswesens Chinas im Jahr 2024 (mit Erläuterungen). 

Artemed (2025): Artemed Gesundheitszentren in China. Online verfügbar unter www.artemed.de/artemed-china.

Shenxi International pharmaceutiticals (Hainan) Co. Ltd (2025): A Bridge for Global Medicine A Link to a Healthier Future, 2025.

Galle, Andrea (2025): Ein Krankenhaus in dem man Gesundheitskompetenz lernt… so wird es zu einem Haus der Gesundheit. mkk-meine Krankenkasse. (linkedin.com Post)

OECD (2015): Gesundheit auf einen Blick 2015. Wo steht Deutschland?