Das Klinikum Dortmund Mitte. Fotos: Klinikum Dortmund gGmbH
Michael Kötzing, Geschäftsführer und Arbeitsdirektor am Klinikum Dortmund
Das „Alarm-Ei“ ist begehrt unter den Klinikmitarbeiterinnen und -mitarbeitern. Im Notfall kann damit ein lauter Alarmton ausgelöst werden.
Pilotphase: ab Ende Januar werden die vier Notaufnahmen sukzessive mit Kameras ausgestattet
Pöbeleien und Beleidigungen, Drohungen, Spucken, Faustschläge: „Unsere Kolleginnen und Kollegen sind täglich Beleidigungen ausgesetzt. Sie werden regelmäßig bedroht, körperliche Übergriffe sind keine Einzelfälle mehr“ berichtet Michael Kötzing, Geschäftsführer und Arbeitsdirektor am Klinikum Dortmund. Das Klinikum will seine Mitarbeitenden besser vor gewalttätigen Übergriffen schützen – unter anderem mit Bodycams.
Mitarbeitende in den Notaufnahmen der Klinik-Standorte Mitte und Nord sowie der Kinderklinik in Dortmund sollen die Bodycams ab Ende Januar zunächst drei Monate lang testen. Der Pilot wird dann ausgewertet.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Krankenhäusern sind immer stärker gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI).
Betroffen ist weit überwiegend die Notaufnahme. 95 % der Krankenhäuser haben dort Übergriffe registriert. 71 % der Krankenhäuser allgemeinen Respektverlust als Hauptgrund für die Übergriffe. Im Mittelwert sind bei 51 % der gewalttätigen Übergriffe auf Krankenhauspersonal Pflegekräfte betroffen. In 21 % Ärztinnen und Ärzte und in 6 % Beschäftigte in anderen Bereichen.
Bisher kennt man auch in Dortmund den Einsatz der am Körper getragenen Kameras nur bei Polizisten und Ordnungsbehörden. Das Klinikum hat sich dementsprechend Rat von der Polizei und Ordnungsamt geholt. „Demnach wirken die Bodycams durchaus deeskalierend auf mein Gegenüber“, so Kötzing.
Ist der Einsatz von Bodycams im Krankenhaus zulässig?
Das Klinikum hat umfangreich rechtlich geprüft. Zudem haben sich die Landesdatenschutzbeauftragte und den NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) dazu geäußert. „Die Entscheidung über den Einsatz von Bodycams durch Klinikpersonal in Krankenhäusern liegt bei den Krankenhäusern in eigener Verantwortung. Eine generelle Befürwortung oder Steuerung durch die Landesregierung erfolgt insofern nicht“, schreibt Laumann. Die Einrichtungen seien jedoch verpflichtet, bei der Einführung und Nutzung der Kameras die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu beachten –insbesondere die Pflichten aus dem Behandlungsvertrag, die ärztliche Schweigepflicht und datenschutzrechtliche Vorgaben. Für die NRW-Datenschutzbeauftrage Bettina Gayk wäre der Einsatz von Bodycams nur im Einzelfall und anlassbezogen und im Rahmen der bestehenden Gesetze denkbar. Aufzeichnungen müssten zuvor klar angekündigt werden und dürften nur zwecks Vermeidung oder Dokumentation einer Straftat vorgenommen werden. Außerdem braucht es klare, datenschutzkonforme Aufzeichnungs- und Löschkonzepte.
Fazit: Grundsätzlich ist das Konzept Bodycam zur Gewaltprävention zulässig – unter strenger Beachtung rechtlicher Rahmenbedingungen. „Rechtsprechung gibt es dazu bisher nicht“, so Kötzing.
Auch die Perspektive der Beschäftigten muss berücksichtigt werden. Von Anfang an wurde in Dortmund der Betriebsrat einbezogen und eine die Pilotphase begleitende Betriebsvereinbarung geschlossen.
Das Tragen einer Bodycam unterliegt der „doppelten Freiwilligkeit“: Über das Tragen und das Einschalten entscheidet der einzelne Beschäftigte. Die Geräte müssen einfach zu bedienen sein, die Rahmenbedingungen klar formuliert werden. Ein Handlungsleitfaden, Schulungen und ein Meldetool sind notwendig. Auch sind Risiken für die Träger der Bodycams auszuschließen, etwa bei irrtümlichem Einsatz oder im Hinblick auf arbeitsrechtlichen Konsequenzen.
„Überraschend gut angenommen wurde die Idee, Alarm-Eier zur Verfügung zu stellen“, so der Arbeitsdirektor. Kleine Gadgets mit einem Alarmknopf, die, drückt man drauf, einen lauten Alarmton von sich geben.
Das Klinikum Dortmund will dagegen etwas unternehmen und hat ein Maßnahmenpaket auf den Weg gebracht. Ein Baustein – einer von vielen, betont Michael Kötzing - ist die Bodycam für Ärzte und Pflegekräfte. Zu unserem Maßnahmenpaket gehört auch der kritische Blick auf Zentrale Notaufnahme selbst.“
So wurden Organisation und Abläufe in der ZNA aus Sicht des Patienten bzw. der Angehörigen reflektiert, der sich wohlmöglich fragt: Warum muss ICH warten? Warum werden andere vorgezogen? Eine plausible Erklärung würde wohl für Beruhigung sorgen. Informationen können analog und digital zur Verfügung gestellt werden. Das Personal wurde mit Kommunikations- und Deeskalationstrainings geschult. Inzwischen werden aber auch Selbstverteidigungstrainings im Klinikum angeboten.
Auch bauliche und technische Gegebenheiten sowie Gestaltung der Notaufnahme bis hin zur Farbwahl wurden auf Möglichkeiten der Verbesserung und deeskalierende Wirkung hin untersucht.
„Es ist uns auch wichtig, Verpflegungsmöglichkeiten zu schaffen und Zeitvertreib zu ermöglichen“, berichtete Kötzing im Rahmen des Personalkongresses der KlinikRente Anfang Dezember 2025 in Köln.
Ein wichtiges, vielleicht unterschätztes Instrument gegen Übergriffe im Krankenhaus sei die gute alte Hausordnung, so der Klinik-Geschäftsführer. „Wenn klar und deutlich formuliert ist, was nicht erlaubt ist und das gegen Verstöße konsequent vorgegangen wird, diszipliniert das den einen oder anderen schon“, ist sich Michael Kötzing sicher. „Und im Fall der Fälle regeln wir es im Nachhinein für die Zukunft, durch das konsequente Aussprechen von Hausverboten.“
Das Klinikum baut nicht nur auf gezielten Einsatz von Security-Kräften, sondern will in den ZNA zukünftig auch verstärkt „Grüne Damen“ einsetzen: Die Ehrenamtlichen leisten normalerweise Besuchsdienste in Krankenhäusern. „In den Notaufnahmen gehen Sie auf die Wartenden zu, zeigen, dass diese wahrgenommen werden und fragen freundlich, ob Sie etwas für sie tun können“, so Kötzing weiter. Auf dem Kongress in Köln erzählte er, was ihn inspirierte, diese quasi auch zur Gewaltprävention in der ZNA einzusetzen: Ein für seine brutale Hooligan-Szene berüchtigter Verein in Brasilien hat – so die wunderbare Anekdote - um Schlägereien und Vandalismus bei Heimspielen zu vermeiden und die Hardcore-Fans zu mäßigen, deren Mütter engagiert. Mit Erfolg: „Mit netten älteren Damen gehen selbst die größten Chaoten doch zumeist freundlich um. Mal sehen, ob dies nicht auch ganz grundsätzlich deeskalierend und präventiv in Notaufnahmen funktionieren kann?“
Großes Medienecho
Schon Anfang 2025 gab die Klinik bekannt, ein Pilotprojekt gegen Übergriffe auf Mitarbeiter erproben zu wollen – unter anderem mit Bodycams für das Personal in den Notaufnahmen. Das mediale Echo auf den Plan mit den Körperkameras war enorm, erinnert sich Michael Kötzing. Der Klinikgeschäftsführer war ein gefragter Interviewpartner nicht nur für Medien aus NRW. Über den Tenor mancher Fragen hat er sich sehr geärgert, erzählt er. So wollten einige Journalisten wissen, ob man eine Tätergruppe klar benennen könne. „Das kann man: ganz eindeutig Männer!“ war seine Antwort. Doch der Fragende zielte offenbar auf anderes: „Nein, wir meinen zum Beispiel Vornamen“, wurde nachgehakt. Kötzings Antwort: „Fragen Sie dann auch, welche Vornamen die Beschäftigten hatten, die angepöbelt bedroht oder geschlagen wurden?“ Das Klinikum Dortmund habe Beschäftigte aus mehr als 70 Nationen. „Rassismus hilft kein bisschen. Wir schon!“ zitiert der Arbeitsdirektor den Slogan einer Kampagne zahlreicher Organisationen des Gesundheitswesens. Katrin Rüter
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Zum Klinikum Dortmund gehören 25 Kliniken, 38 Zentren und fünf Institute. Das Klinikum liegt zu 100 % in kommunaler Trägerschaft der Stadt Dortmund.
Das Krankenhaus der Maximalversorgung hat 1 408 Planbetten, rund 5 000 Mitarbeitende, davon rund 600 Auszubildende in zwölf Ausbildungsberufen. Jährlich werden mehr als 410 000 Patientinnen und Patienten behandelt (60 000 stationäre Aufnahmen, 350 000 ambulante Besuche)
Das Klinikum Dortmund hat vier Notaufnahmen mit insgesamt 95 000 Kontakten pro Jahr.
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