Thema des Monats

36 Stunden digitale Reha-Nachsorge


Mit App und Digitalem Nachsorgezentrum (DNZ) betreut die Median Group Rehabilitanden nach der Entlassung

Die Digitalisierung ist in der Nachsorge der medizinischen Rehabilitation längst angekommen. „In der Reha nimmt der Stellenwert der Digitalisierung von Leistungen stetig zu. Schlagworte sind hier die bekannten Themen: Flexibilisierung und Fachkräftemangel, aber auch Individualisierung bezüglich bestimmter Problemlagen beziehungsweise für bestimmte Personengruppen. In der Reha-Nachsorge unterstützen digitale Angebote die Flächendeckung, da nicht überall entsprechende Präsenzangebote erreichbar sind“, sagt Dirk Manthey, Mitarbeiter in der Abteilung Kommunikation bei der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV). Die Rentenversicherung sei in der Reha-Nachsorge Vorreiter hinsichtlich digitaler Angebote. Die DRV habe mehrere Hersteller digitaler Anwendungen für die Regelversorgung anerkannt. 2024 seien bereits fast 40 000 Leistungen digital durchgeführt worden. Die Anwendungen würden zuvor durch ein Gremium der Rentenversicherung geprüft und bei positivem Ergebnis für die Regelversorgung anerkannt. Zentral sei die Umsetzung der Anforderungen an die therapeutische Betreuung. Zur Nachsorge gehöre Monitoring, individuell anpassbare Therapiepläne, Feedbacksysteme und die Möglichkeit regelmäßiger persönlicher Kontakte.

Ein Anbieter in dem Sektor ist die Median Group, nach eigenen Angaben der größte Anbieter von Rehabilitationskliniken in Deutschland. 2019 hatte die Median Group angefangen, an einem digitalen Nachsorgeangebot für ihre Rehabilitanden zu tüfteln. In den Jahren 2022 bis Ende 2024 gewährte die DRV der Klinikgruppe schließlich ein befristetes Modellprojekt. In der Zeit musste Median eine wissenschaftliche Evaluation durchführen mit einem quantitativen und einen qualitativen Teil mit knapp 1 000 Teilnehmenden. Heute hat Median die Zulassung der DRV, ihren Patienten eine digitale Nachsorge bei sämtlichen somatischen Indikationen, bis auf Adipositas und Psychosomatik, anzubieten.

Vom Sprössling zum Baum 

Die digitale Reha-Nachsorge von Median besteht aus zwei Komponenten: einer App und einem Digitalen Nachsorgezentrum. „Bereits während der drei- bis fünfwöchigen Reha in einer der Median-Kliniken werden die Patienten mit der App und deren Funktionsweise vertraut gemacht“, erklärt Judith Dittmer, Geschäftsbereichsleitung Digitale Gesundheit bei Median. Zentrales Motivationselement in der App „MyMedian@Home“ ist ein Sprössling. Während der gesamten Nachsorge werden Blätter gesammelt, so soll aus dem kleinen Sprössling ein ausgewachsener Baum werden.

Bestimmte Inhalte müssen abgedeckt werden, um auch von der DRV anerkannt und erstattet zu werden. Dazu gehören drei Bereiche: Training, Wissen und Wohlbefinden.  Für jede Übung gibt es im Vorfeld Erklärvideo. Die Trainingsvideos zeigen Übungen, die zuvor von mit Sensoren verkabelten Median-Therapeuten des DNZ vorgemacht und in Avatare übersetzt wurden. Die individuellen Trainingspläne erhalten Feedback-Funktionen nach jeder Übung. In einer Bibliothek sind alle absolvierten Übungen hinterlegt. Zum „Wohlbefinden“ gehören zum Beispiel Übungen zur Muskelentspannung, autogenes Training sowie Achtsamkeits-Trainings. Unter der Rubrik „Wissen“ finden die Rehabilitanden Vorträge und Podcasts zu medizinischen Themen, erarbeitet von Ärztinnen und Therapeutinnen der Median-Kliniken, Rezepte für eine gesunde Ernährung, Live-Webinare, geleitet von Therapeuten des DNZ.

Patienten sollen ihren Therapiefortschritt auf einen Blick erfassen können. Man könne sich zum Beispiel Wochenziele setzen, eine bestimmte Anzahl an täglichen Schritten erreichen, was zum Beispiel für kardiologische Patienten wichtig sei.

Jedes Krankheitsbild habe zu Beginn einen Standardtherapieplan, welchen Sportwissenschaftler mit den Medical Boards bei Median erarbeitet haben und der während der Nachsorge individualisiert werde.

Motivation für Rehabilitanden

Im DNZ in Düsseldorf arbeiten 65 Personen darunter Physiotherapeuten, Sportwissenschaftler, Psychologen, Psychologische Psychotherapeuten, Ernährungswissenschaftler, Ärzte, Logopäden, Ergotherapeuten, sowie administratives Personal. Aufgaben des DNZ sind die telefonische Begrüßung der Rehabilitanden in der Nachsorge, die Erstellung und Anpassung von individuellen Therapieplänen je nach Gesundheitszustand, Ansprechpartner bei therapeutischen, technischen und administrativen Fragen per Chat, E-Mail und Telefon zu sein, für Motivation der Rehabilitanden bei Inaktivität zu sorgen sowie online Live-Webinare anzubieten.

Berücksichtigt werden bei den digitalen Therapieplänen auch Zweit- und Drittdiagnosen der Patienten. „Es ist eher selten, dass ein Patient nur mit einem Krankheitsbild zu uns kommt“, sagt Sven Schunter, der Kaufmännischer Leiter des Ambulanten Gesundheitszentrums von Median, AGZ, in Düsseldorf und des DNZ ist.

Jede Sekunde, die der Patient in der App ist, werde aufgezeichnet. „Daran können wir sehen“, so Schunter, „ist ein Patient aktiv oder ist er nicht aktiv.“ Wenn ein Patient bei einer Übung Schmerzen hat, könne er diese in der App hinterlegen. Das Nachsorgezentrum bekomme eine Nachricht und biete dem Patienten Alternativen an. Ohnehin stehe das 65-köpfige medizinische und therapeutische Team im DNZ zwölf Stunden von Montag bis Freitag für die Rehabilitanden zur Verfügung.

Die Finanzierung der App, also den Bau der Anwendung und die Erstellung der Inhalte, hat Median selbst getragen. Die Bezahlung der Betreuung der Patienten während der Nachsorge erfolgt durch die DRV mit festgelegten Sätzen. Die DRV erstattet 24 Module der App. Ein Modul dauert 90 Minuten. Ab dem Tag der Entlassung aus der Reha hat ein Patient bis zu zwölf Monate Zeit, die Module zu durchlaufen. Somit sind 36 Stunden digitale Nachsorge-Reha möglich. Median bekommt von der DRV für ein Modul 29,07 € erstattet, also für alle 24 Module pro Patient 697,68 €.

„Mit Hilfe des digitalen Nachsorgeangebots konnten wir den Reha-Erfolg stabilisieren“, sagt Dittmer. Zur Erhebung dienten während der Modellphase Patient-Reporting Outcome Measures (PROMS). Diese Fragebögen hätten Patienten zu Beginn der Reha, danach und nach der digitalen Nachsorge ausgefüllt. Ein weiterer Fragebogen diente dazu, von den Patienten zu erfahren, wie sie die Inhalte der App bewerten und wie sie die Erreichbarkeit vom DNZ fanden.

„Mit einer medizinischen Rehabilitation, die in der Regel etwa drei Wochen dauert, können manche Reha-Ziele wie beispielsweise die Stabilisierung von Beweglichkeit, Koordination, Kraft und Ausdauer nicht vollständig erreicht werden“, heißt es im Reha-Bericht 2024 der DRV. „Ebenso können notwendige Änderungen des Lebensstils wie mehr Bewegung und Änderung des Ernährungsverhaltens bei den Rehabilitandinnen und Rehabilitanden nur angestoßen werden. Um die Reha-Erfolge langfristig zu sichern, gibt es Nachsorgeleistungen.“

Die Zahl der Nachsorgeleistungen der Rentenversicherung nach § 17 Sozialgesetzbuch (SGB) VI habe in 2023 bei knapp 260 000 gelegen. Hinzu kämen über 27 000 Leistungen für Rehabilitationssport nach § 64 Absatz 1 Nr. 3 des SGB VI sowie über 1 600 Funktionstrainingsmaßnahmen nach § 64 Absatz 1 Nr. 4 des SGB VI.

Seit 2019 gilt laut DRV das bundesweit einheitliche Rahmenkonzept zur Reha-Nachsorge. Seitdem konnte die Zahl der durchgeführten Reha-Nachsorgen kontinuierlich gesteigert werden. 2019 schloss sich noch an jede siebte medizinische Rehabilitation eine Nachsorge an (ca.14 %). 2022 wurde bereits nach mehr als jeder fünften Rehabilitation eine Nachsorge durchgeführt (ca. 21 %) und in 2023 nach jeder vierten Rehabilitation.

Zunahme digitaler Angebote

Seit Jahrzehnten erstattet die Deutsche Rentenversicherung bereits analoge Nachsorgeangebote, die nach der stationären Reha ambulant stattfinden, zum Beispiel die Intensivierte Reha-Nachsorge, kurz IRENA. Seit der Coronapandemie gab es den digitalen Schub in dem Bereich. Auch IRENA gibt es als digitales Angebot. Die Zahl der Nutzer stieg von 194 im Jahr 2019 auf 16 424 im Jahr 2023. Dazu sagt die DRV: „Vergleicht man die Anzahl von Präsenz- und von digitalen Angeboten so ist die Zunahme der digitalen Angebote über den Betrachtungszeitraum erheblich ausgeprägter.“ Mehr Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit sowie die Anerkennung digitaler Angebote und somit die Steigerung der Nachsorge auch für Rehabilitandinnen und Rehabilitanden, die an Präsenznachsorge nicht teilnehmen können bzw. wollen, seien unter anderem Gründe für den Erfolg, so die DRV.

„Viele Menschen sind den Weg der Genesung früher nicht gegangen“, sagt Schunter. Oft sei es nicht in den Alltag integrierbar, wenn man zum Beispiel im Schichtdienst arbeitet oder jeden Tag Kinder von der Kita abholen muss, dann auch noch einmal in der Woche zu einer ambulanten Rehaeinrichtung oder zu einem Arzt gehen muss. „Das passt oft nicht in das Leben der Menschen rein“, so Schunter. Deshalb hätten früher 60 bis 70 % der Reha-Patienten die physische Nachsorge nicht gewählt. Aber, je länger Menschen sich mit ihrer Gesundheit beschäftigen und Verhaltensveränderungen trainieren, desto besser ist es, so Schunter. Die digitale Nachsorge sei flexibel und gut in den Alltag integrierbar.

„Schön, dass man bei der App selbst entscheiden kann, wann man was macht“, sagt die 53-jährige Ilka Saalfeld. Die Angestellte bei der Landespolizeiverwaltung in Hamburg leidet seit einer Coronaerkrankung 2021 am chronischen Erschöpfungssyndrom Post-Covid (ME/CFS) mit Konzentrationsschwäche, Muskelschmerzen, Kraftlosigkeit, Erschöpfung, Schlafstörungen und Wortfindungsstörungen. Nachdem sie in einer Median-Klinik in Bad Salzuflen eine Rehabilitation absolviert hat, wollte sie auch noch Nachsorge-Angebote wahrnehmen. Aber feste Termine würde sie nicht schaffen, sagt Saalfeld, weil sie nie wisse, wie sie sich an einem Tag fühle. Die App sei da optimal, weil sie selbst entscheiden könne, wann sie ihre Nachsorgetermine wahrnimmt. Das DNZ sei ebenfalls hilfreich und immer erreichbar gewesen. „Ich habe durch die Reha und die Nachsorge mehr Kondition bekommen“, sagt sie.

„Mein Anspruch ist, dass die Patienten auch im DNZ die therapeutische Qualität bekommen, die sie schon in der Reha-Klinik bekommen haben“, sagt Schunter. Zudem könnten die Patienten individuell mit auf sie abgestimmten Therapieplänen begleitet werden. Das DNZ arbeite zudem eng mit den Reha-Kliniken der Median Group zusammen. Die Nachsorge finde ohne jegliche Wartezeiten statt. „Wer heute aus der Reha entlassen wird, startet morgen die digitale Nachsorge“, sagt Schunter.

Aktuell nutzten 7 000 Median-Rehabilitanden die App und werden im DNZ betreut. Bisher haben bereits mehr als 40 000 Median-Patienten die App MyMedian@Home genutzt. Das digitale Nachsorgeangebot gelte nur für Menschen, die über die DRV als Kostenträger in die Reha kommen, das sind zu 90 % Berufstätige.

Tanja Kotlorz