Michaela Hansen ist Clinical Workflow Specialist DACH bei Imprivata. In ihrer Funktion bringt sie ihre langjährige Erfahrung als Pflegefachfrau mit pflegewissenschaftlichem Studium und ihre Expertise in der Optimierung digitaler klinischer Abläufe bei Neu- und Bestandskunden ein. Michaela Hansen hat an der Excelsior University in Albany, New York/USA, den Bachelor-Abschluss als Krankenpflegerin erworben. Sie war über zwölf Jahre in einer tertiären neonatalen Intensivstation beschäftigt. Foto: Imprivata
Im Gespräch mit Michaela Hansen, Clinical Workflow Specialist DACH, Imprivata
Unterstützung bei der Dokumentation, mehr Zeit für die Patienten: Digitalisierung spielt in der Pflege im Krankenhaus eine immer größere Rolle. Wie steht es um die Akzeptanz der Pflege in Bezug auf IT-Anwendungen?
Der Generationenwechsel in der Pflege bringt einen Wandel des Berufs mit sich, der vor allem durch eine zunehmende Akademisierung der Ausbildung und die Erweiterung der Kompetenzen gekennzeichnet ist. Damit einhergehend zeichnen sich Pflegekräfte durch wachsendes Selbstbewusstsein und zunehmenden Einfluss im Klinikbetrieb aus. Das schließt auch eine Berücksichtigung bis hin zum Mitspracherecht bei der Auswahl und Einführung digitaler Tools mit ein.
Sind die Pflegekräfte ausreichend qualifiziert, um digitale Tools zu bewerten?
Sie müssen damit arbeiten, also können sie die Praxistauglichkeit der Tools beurteilen.
Zudem hat sich in den letzten Jahren die Ausbildung in der Pflege stark verändert, insbesondere durch die zunehmende Akademisierung. Laut Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des Deutschen Ärzteblatts betrug der Anteil von Pflegekräften mit akademischem Abschluss im Jahr 2020 nur 1,74 % – der Anteil dürfte sich in den letzten Jahren nur geringfügig erhöht haben. Dennoch herrscht die Überzeugung, dass die Pflege auch als akademischer Beruf anerkannt werden muss, um zu einer Professionalisierung und einer tieferen Fachkompetenz zu kommen.
Mit der Akademisierung steigen die Kompetenzen. Pflegekräfte übernehmen zunehmend komplexere Aufgaben, die früher Ärztinnen und Ärzten vorbehalten waren. Eine Umfrage des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) zeigt, dass 70 % der befragten Pflegekräfte sich in der Lage fühlen, erweiterte Kompetenzen einzusetzen und auch medizinische Entscheidungen zu treffen, wenn sie entsprechend weitergebildet sind.
Was bedeutet dies für die Pflegekräfte im Hinblick auf die Digitalisierung im Krankenhaus?
Das Mitspracherecht der Pflegenden muss zunehmen. Der Umgang mit Technologien wird für Pflegekräfte immer wichtiger. Ein Sachbericht für das Bundeministerium für Gesundheit vom IGES Institut zeigt, dass 87 % der befragten, vollstationär in Pflege und Betreuung Arbeitenden überzeugt sind, dass zunehmender Technikeinsatz notwendig ist.
Dafür ist es entscheidend, dass Pflegekräfte ein Mitspracherecht bei Digitalisierungsvorhaben erhalten. Ein Positionspapier des Deutschen Pflegerats fordert deshalb, dass sie in alle Phasen der digitalen Transformation eingebunden werden, um sicherzustellen, dass technologische Lösungen praktikabel und effektiv sind.
Für die Ärzteschaft und Pflegekräfte ist es wichtig, im Sinne der Arbeitsabläufe in Entscheidungen über Digitalisierung und IT einbezogen zu werden. Dabei geht es um die Fragen der Sicherheit, aber vor allem um die Prüfung der Benutzerfreundlichkeit neuer Hard- und Software. Wird das Pflegepersonal zu lange von der Patientenversorgung abgelenkt, weil die Einarbeitung und Bedienung zu kompliziert sind, führt das zur Frustration.
Mit welchen Folgen?
Digitalisierungsmüdigkeit, „Digitization Fatigue“, ist die Folge, wenn kein echter Zeitgewinn entsteht und Systeme fragmentiert, mit separaten Logins und neuen Abläufen für jeden Fall die Arbeit behindern statt sie zu unterstützen.
Damit werden Optimierungspotenziale nicht vollständig genutzt und der Return-On-Invest der Technologieinvestitionen bleibt unter den Erwartungen.
Gibt es nicht auch viele Vorbehalte gegenüber neuen Technologien?
Leider stellt die Einführung neuer Technologien oft eine Hürde dar. Menschen haben häufig Vorbehalte gegenüber Veränderungen. Verfahren, die für Anwender seit Jahren gut funktionieren und praktiziert werden, werden geändert oder ersetzt. Stattdessen muss man sich mit neuen und ungewohnten Vorgehensweisen befassen. Wenn dann noch neue digitale Anwendungen hinzukommen, kann schnell eine ablehnende Haltung entstehen. Es ist die Aufgabe von Personalverantwortlichen im Gesundheitswesen, deren IT-Abteilung, aber auch IT-Anbietern, Ängste im Vorfeld abzubauen und Maßnahmen zu ergreifen, um Vorbehalte zu antizipieren und auszuräumen.
Was können die Verantwortlichen tun?
Der Einsatz von sogenannten Champions, Mentoren und Key Usern hat sich in dieser Hinsicht als äußerst effektiv erwiesen. Pflegekräfte, die von Mentoren unterstützt werden, fühlen sich im Umgang mit digitalen Technologien viel sicherer. Regelmäßige Schulungen sind daher unerlässlich.
Die Berufsgruppe der Pflege ist die größte in unseren Kliniken. Genau deswegen darf sie bei IT-Entscheidungen nicht außen vor bleiben. Noch immer gibt es aber Berührungsängste: Auf der einen Seite Pflegekräfte, die sich im Umgang mit digitalen Systemen unsicher fühlen, und auf der anderen Seite IT-Abteilungen, die oft wenig Einblick in den Klinikalltag haben. Doch nur im gemeinsamen Vorantreiben von Digitalisierungsvorhaben können Veränderungen erfolgreich gelingen. Die Pflege muss sich mehr in diese Entscheidungen einbringen und die IT muss die Seite der Anwender verstehen. Nur so entsteht echter Mehrwert.
Innovative Organisationen im Gesundheitswesen, auch in Deutschland, haben das verstanden und schaffen die Position eines Chief Nursing Informatics Officer, der oder die auf Augenhöhe mit dem Führungsteam und der IT, die Belange der Pflege „ganz oben“ einbringen kann.
Die Einbeziehung der Pflege und des medizinischen Personals in Entscheidungen stellt sicher, dass die Technologie ihnen tatsächlich hilft, ihre Arbeit effizient und sicher zu erledigen. Das führt zu besseren Ergebnissen in der Patientenversorgung, steigert die Zufriedenheit des Personals und erhöht die allgemeine Sicherheit.
Am Ende vereint Pflegende und IT ein Ziel: Wir alle arbeiten in Kliniken, weil hier kranke Menschen sind, die unsere Hilfe brauchen. Genau deswegen lohnt es sich, die digitale Zukunft der Pflege gemeinsam zu gestalten.
Das Gespräch führte Katrin Rüter