„Die Krankenhausreform wird alles noch schlechter machen. Allein die massive Verlagerung eines großen Teils operativer oder anderer interventioneller Eingriffe in den ambulanten Bereich wird den Hygieneschutzschirm, der immerhin noch in den Krankenhäusern existiert, durchlöchern“, urteilt Dr. Peter Walger, Sprecher des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Krankenhaus-Hygiene e. V. (DGKH). Foto: DGKH
Sprecher des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Krankenhaus-Hygiene e. V. (DGKH) sowie Arzt für Innere Medizin, Intensivmedizin, Infektiologe (DGI)
Nach der Coronapandemie, Aktionen und Kampagnen: Wurde der Stellenwert der Hygiene in der Klinik gestärkt? Hat sich die Hygiene in den deutschen Krankenhäusern verbessert in den vergangenen Jahren?
Während der Pandemie lag der Schwerpunkt ganz auf der Verhinderung einer respiratorischen Übertragung. Das hatte zwei Auswirkungen: Auch andere Erreger mit demselben Übertragungsweg wurden erfolgreich unterdrückt, was zu einem Rückgang entsprechender Infektionen wie Influenza, RSV-Infektionen, aber auch von Norovirus-Infektionen, eine infektiöse Darmerkrankung, führte. Vernachlässigt wurden dagegen klassische Schutzmaßnahmen wie regelmäßige Händedesinfektion und Wechsel der Schutzkleidung beim Wechsel von einem zum anderen Patienten und vor kritischen Tätigkeiten. Hierdurch hat es vielerorts eine Zunahme von Ausbrüchen oder Infektionen durch die altbekannten bakteriellen Erreger von Krankenhausinfektionen gegeben, besonders bei Infektionen durch Gefäßkatheter. Inzwischen erlebe ich es so, dass die Hygiene jetzt wieder ungefähr so dasteht und arbeitet wie vor der Coronapandemie. Verbessert hat sich aus meiner Sicht nichts, vielleicht mit einer Ausnahme: die positive Erfahrung, wie effektiv der Eigen- und Fremdschutz funktionierte, wenn das Maskentragen professionell und mit passgenauen Masken erfolgte.
Wie lässt sich Personal in den Kliniken für Hygienemaßnahmen begeistern?
Unter den gegenwärtigen Bedingungen kann man das Personal nicht für Hygienemaßnahmen „begeistern“. Das Personal steht teilweise unter einem massiven Arbeits- und Zeitdruck und Hygiene erfordert nun mal Zeit. Dazu kommen die vielen unbesetzten Stellen. Je nach Haus hat sich ein Teil des Personals (vor allem in der Pflege) vom eigenen Beruf verabschiedet. Wir erleben ja, dass Häuser zusammengelegt oder aufgekauft werden, ohne dass die Geschäftsführungen irgendeinen Plan für die Zukunft haben. Gerade in diesen Häusern wechseln dann oft die Geschäftsführer, manchmal sogar halbjährlich, oder werden als Sanierer quasi geleast. Dazu kommt dann noch die drohende Krankenhausreform von Lauterbach. In solchen Häusern lebt das Personal in einer ständigen Ungewissheit, ob ihr Arbeitsplatz im nächsten Jahr noch vorhanden ist. Zur Unzufriedenheit des Stammpersonals trägt natürlich auch das Leihpersonal bei: Als Lückenfüller verdienen die deutlich mehr und sind oft nur für die normalen Tagesdienste eingestellt und von Nacht- und Wochenenddiensten befreit. Viele kümmern die Regeln des Hauses (zum Beispiel zur Hygiene) überhaupt nicht. Sie wissen ja, dass sie bald wieder weg sind.
Fachkräftemangel ist ein zentrales Problem in den Kliniken. Ist die Krankenhaushygiene gleichermaßen betroffen?
Aufgrund der Unzufriedenheit und teilweise unklaren Perspektive hat sich die Personalsituation für die Krankenhaushygiene auf jeden Fall nicht verschlechtert, eher sogar verbessert. Dies gilt besonders für die Pflege, inzwischen aber auch für Ärzte. Für sie ist ein Wechsel in die Krankenhaushygiene eine Alternative zu den stressigen Arbeitsbedingungen ihrer ursprünglichen Tätigkeit. Am Anfang sind in die Krankenhaushygiene ja nur Anästhesisten und Intensivmediziner gegangen, heute sehen wir, dass auch sonstige Kliniker in die Hygiene gehen, zum Beispiel ein leitender kardiologischer Oberarzt oder ein Oberarzt der Herzchirurgie.
Ist die Wirkung des Personalmangels auf die KH-Hygiene quantifizierbar?
Bei einer Mitgliederbefragung der DGKH aus dem Frühjahr 2024 wurden Daten von 93 Kliniken ausgewertet. Die Auswertung zeigte, dass bei den Hygienefachkräften im Durchschnitt 0,5 VK-Stellen nicht besetzt waren. Bei den Krankenhaushygienikern lag die Differenz bei 0,2 VK-Stellen. Grundlage der Stellenberechnung waren die Empfehlungen der KRINKO zur personellen Ausstattung in der Krankenhaushygiene.
Massiv gestiegene Betriebskosten, fehlende Investitionsfinanzierung: Wie wirkt die Finanzmisere auf die Krankenhaushygiene?
Erforderliche Investitionen werden aufgeschoben. Dies betrifft insbesondere den Bereich Umbau und Neubau. In vielen Kliniken gibt es (Risiko-)Bereiche, in denen bauhygienische Maßnahmen dringend erforderlich wären, um Ausbrüche und Erregerübertragungen zu reduzieren. Beispiele sind: Intensivstationen mit Mehrbettzimmern, Kinderkliniken/Neonatologien ohne angemessene Eltern-Kind-Zimmer, Normalstationen ohne Einzelzimmer oder mit Patientenzimmern ohne Sanitärbereich, und vor allem die Sanitärbereiche selbst als Reservoir für Antibiotika- resistente Erreger, ein bislang vollkommen übersehenes Reservoir. Außerdem wird versucht, an dem Personal zu sparen, für das es keine gesetzlichen Mindestgrenzen gibt. Hierbei ist seit Jahren und nun wieder massiv das Reinigungspersonal betroffen. Die Reinigungsfrequenzen werden zum Beispiel durch die Klinikleitungen reduziert oder die Flächenleistungen für die Reinigungskräfte erhöht. Die routinemäßigen Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen als Teil eines Multibarrieresystems zur Infektionsprävention sind dadurch nicht mehr so zuverlässig verfügbar, wie es notwendig wäre. Es gibt keinen finanziellen Spielraum, der es den Kliniken ermöglicht, die Qualifikation von Fachärzten für Hygiene- und Umweltmedizin auch perspektivisch sicherzustellen. Es wird versucht, die erforderlichen Stellen mit der minimal erforderlichen Qualifikation zu erreichen, damit die KRINKO-Vorgaben erfüllt sind. Der Facharztmangel für den Bereich Krankenhaushygiene ist weiterhin eklatant. Der sogenannte curriculäre Krankenhaushygieniker (klinische Fachärzte mit einer einjährigen Hygiene-Zusatzweiterbildung), einst als Light-Version und Übergangslösung gedacht, entwickelt sich zum Dauerzustand.
Was können Kliniken, was kann die Politik tun?
Nach unserem Eindruck stehen die Häuser am besten da, die seit Jahren die gleiche, das heißt, eine stabile Geschäftsführung und ein Konzept für die Zukunft haben und dieses auch abwickeln. Die Situation beim Personalmangel kann man nur durch höhere Gehälter verbessern und vor allen Dingen durch entsprechende Anerkennung. Das ist noch wichtiger als das Gehalt. In vielen Geschäftsführungen werden die Mitarbeiter missachtet bzw. gar nicht zur Kenntnis genommen. Hinzu kommt die Auflösung des Investitionsstaus, auf den seit Jahren ergebnislos hingewiesen wird.
Was erhoffen Sie sich von der Krankenhausreform?
Die Krankenhausreform wird alles noch schlechter machen. Allein die massive Verlagerung eines großen Teils operativer oder anderer interventioneller Eingriffe in den ambulanten Bereich wird den Hygieneschutzschirm, der immerhin noch in den Krankenhäusern existiert, durchlöchern. Die Hygienedefizite in den ambulanten Einrichtungen werden manifest und zu einer eklatanten Zunahme nosokomialer Infektionen führen. Die Konzentration medizinischer Leistungen in Schwerpunktkliniken führen nicht automatisch zu einer besseren Qualität, wenn nicht gleichzeitig Strukturen einer effektiven Hygiene und Infektionsprävention zusammen mit Antibiotic Stewardship (Anmerkung der Redaktion: Unter Antibiotic Stewardship, kurz ABS, versteht man den rationalen und verantwortungsvollen Einsatz von Antibiotika) und infektiologischer Beratung implementiert und finanziell und personell abgesichert werden. Diese Implementierung von Hygiene und Antibiotic Stewardship muss ein obligates Strukturelement bei der Anerkennung von Schwerpunktkliniken sein.
Im Durchschnitt ließe sich jede zweite Infektion in einem Krankenhaus verhindern, sagen Sie. Ihr Rezept: Kliniken brauchen mehr Personal in Hochrisikobereichen, eine moderne Bausubstanz und gut geschultes Personal. Wie lässt sich das erreichen?
Durchschnittlich 50 % der Infektionen sind vermeidbar, für einige Infektionen kann man wesentlich höhere Raten annehmen, zum Beispiel bei Infektionen, die im Kontext mit Gefäßkathetern entstehen. In der Tat brauchen wir mehr Personal, eine moderne Bausubstanz und gut ausgebildetes Personal. Letzteres erreichen wir nur über eine bessere Bezahlung und Anerkennung. Dabei müssen Konzepte der Hygiene, der Infektionsprävention und der Infektiologie Hand in Hand gehen. Die zunehmende Zahl „vulnerabler“ Patienten, im Besonderen von Personen mit implementierten Fremdkörpern wie Gelenks-, Gefäß- und Herzklappen-Prothesen oder anderem Fremdmaterial, stellt bereits jetzt eine enorme Herausforderung bei der Prävention, aber auch der Behandlung von damit assoziierten Infektionen dar. Geld, was in die Kliniken zur Förderung von Hygiene und Infektionsmedizin fließt, muss sich in personellen Deputaten, das heißt, in festen und abgesicherten Stellen, niederschlagen und durch den öffentlichen Gesundheitsdienst kontrolliert werden.
Andere Länder wie etwa die Niederlande scheinen erfolgreicher, was Krankenhaushygiene und den Kampf gegen multiresistente Erreger betrifft. Warum?
Den Vergleich mit den Niederlanden finde ich immer schwierig. Sicherlich haben die Niederlande bei MRSA, dem Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus, anders agiert und haben über viele Jahre wesentlich bessere Zahlen. Bei den Gramnegativen habe ich allerdings den Eindruck, dass die Niederlande nicht besser sind als wir. Ein großer Unterschied ist zum Beispiel, dass in den Niederlanden meines Wissens die Fachärzte nur im Krankenhaus sind und dass die Wartezeiten wesentlich länger sind. Dies führt dann dazu, dass viele Niederländer, nicht nur in der Grenzregion, zu den Operationen nach Deutschland gehen. Aus meinem persönlichen Umfeld weiß ich, dass man in den Niederlanden einen Hausarzt zugeteilt bekommt, man also keine freie Arztwahl hat. Als das Kind der mir bekannten Person krank war, hat die Mutter bei dem Hausarzt angerufen und er hat per Telefon ein Antibiotikum verschrieben. Vielleicht ist das ein Einzelfall, ich kann es nicht beurteilen. In den Krankenhäusern ist die Zahl nosokomialer Infektionen nicht besser als in Deutschland, auch sind immer wieder Ausbrüche mit Krankenhauskeimen beschrieben, wie wir sie aus anderen Ländern und auch bei uns kennen.
Haben die Kliniken das Geld aus dem Hygienesonderprogramm der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) genutzt? Was ist, wenn das Programm ausläuft?
Schaut man sich die Zahl der Krankenhausinfektionen, die es ja durch Hygiene zu verhindern gilt, einmal über die letzten Jahrzehnte genauer an, so fällt auf, dass sie anhaltend bei ca. 4 – 5 % aller stationären Patienten liegt, sich also kaum verändert, sicher aber nicht verbessert hat. Im Mai 2024 sind im Deutschen Ärzteblatt die Ergebnisse der letzten Punkt- Prävalenz-Erhebung 2022 nosokomialer Infektionen in Deutschland veröffentlicht worden. Danach lag die Prävalenz bei 4,9 %, davon im Erfassungshaus erworben 3,6 %. Die Anwendungsrate von Antibiotika lag bei 26,9 %. Die Ergebnisse unterscheiden sich nicht wesentlich von früheren Erhebungen. Zu Recht fragen die Autoren, ob dies nun als Erfolg (trotz Zunahme von Patienten mit schweren Grunderkrankungen?) oder als Misserfolg (trotz mehr Hygienepersonal?) gewertet werden muss. Dass Infektionserfassung quasi automatisch zu einer Senkung der NI-Raten führen würde, dieser über viele Jahre verbreitete Mythos kann jedenfalls nicht mehr aufrechterhalten werden. Das seit 2013 bestehende Hygieneförderprogramm hat zu einer deutlichen Steigerung der in der Krankenhaushygiene und Infektionsprävention tätigen Mitarbeiter geführt, wobei der Bedarf an Fachärzten für Hygiene und Umweltmedizin bei Weitem nicht gedeckt ist. Gerade diese Expertise ist aber erforderlich, um die Anforderungen der KRINKO, Empfehlungen zur Infektionsprävention und zur personellen Ausstattung von Krankenhäusern zu erfüllen. Die regelmäßigen Jahresberichte der GKV zur Verwendung der Fördergelder beklagen immer wieder, dass die Ergebnisse der Förderung durch Intransparenz und fehlende Rückmeldungen aus den Kliniken weitgehend im Dunkeln liegen. Ein nicht unerheblicher Teil der Fördergelder wurde für Stellen für sogenannte hygienebeauftragte Ärzte ausgegeben. Dieses Geld ist aber sicherlich anders verwendet worden, entsprechende Stellen für hygienebeauftragte Ärzte gibt es aus meiner Erfahrung so gut wie an kaum einer Klinik. Inzwischen ist eine Umwidmung der Förderung weg von der Hygiene und hin zur Infektiologie erfolgt. Begründet wird dieser Wechsel damit, dass die Coronapandemie die Bedeutung infektiologischer Expertise in den Kliniken gezeigt habe. Nach unserer (DGKH) Ansicht verkennt diese Begründung die maßgebliche Leistung und Expertise der Krankenhaushygiene im Rahmen der Coronapandemie. Keine andere Fachdisziplin hat sich durch strukturierte Maßnahmen, fachübergreifende Hygienestrategien in der Praxis, Ausbruchsmanagement mit Beratung und Betreuung der Krisenstäbe, Patienten und Besucher mehr hervorgetan als die Mitarbeiter in der Krankenhaushygiene. Dies war und ist die Basis für die Aufrechterhaltung der stationären Versorgungsstrukturen in Deutschlands Krankenhäusern. Der Bedarf an Hygiene wird auf jeden Fall steigen, weil künftig nach § 35 IfSG auch die Alten-/Pflegeheime und die Behinderteneinrichtungen abgedeckt werden müssen. Hygiene und Infektiologie haben eine große gemeinsame Schnittstelle, das ist die Infektionsprävention, wobei die Infektiologie durch Antibiotic Stewardship die Entstehung von Resistenzen und die Hygiene ihre Verbreitung verhindern hilft.
Die Fragen stellte Tanja Kotlorz