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Interviews und Meinungen

„Die Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Hersteller steigt rasant.“


Michael Draheim, Geschäftsführer der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft für Health Care Management (DCG-Health GmbH) und Referent für den Geschäftsbereich Finanzierung und Versorgungsplanung der Deutschen Krankenhausgesellschaft e.V. Foto: privat

Zum 2. Mal gibt es in diesem Jahr den Deutsch-Chinesischen Krankenhaustag im Rahmen des Deutschen Krankenhaustages, der wie immer Teil der Medica in Düsseldorf ist. Ein Interview mit Michael Draheim, Geschäftsführer der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft für Health Care Management (DCG-Health GmbH). 

Die besondere Bedeutung Chinas im Gesundheitsmarkt zeigen die Teilnehmerzahlen an der Medica. Allein 1 250 Unternehmen aus China stellen im Jahr 2024 bei der weltgrößten Medizinmesse aus. Zum 2. Mal gibt es in diesem Jahr den Deutsch-Chinesischen Krankenhaustag im Rahmen des Deutschen Krankenhaustages, der wie immer Teil der Medica in Düsseldorf ist. Am 20. November treffen sich Teilnehmer und Klinikmanager aus beiden Ländern, um Erfahrungen auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. Kurz zuvor macht sich eine Delegation aus Managern der Klinikbranche auf den Weg in die chinesischen Metropolen Beijing und Guangzhou, um das Gesundheitssystem der Volksrepublik vor Ort kennenzulernen. Katrin Rüter sprach mit dem Geschäftsführer der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft für Health Care Management (DCG-Health GmbH), Michael Draheim. Er ist außerdem Referent für den Geschäftsbereich Finanzierung und Versorgungsplanung der Deutschen Krankenhausgesellschaft e.V.

Auch in diesem Jahr gibt es den Deutsch-Chinesischen Krankenhaustag im Rahmen des Deutschen Krankenhaustages in Düsseldorf. Wie gestalten sich der deutsch-chinesische Austausch, wie die Beziehungen der beiden Systeme der Krankenhausversorgung?

Der deutsch-chinesische Austausch im Gesundheitswesen hat eine über hundertjährige Tradition, die auf den in Pasewalk geborenen Marinearzt Erich Paulun, Gründer der Tongji-Universität in Shanghai und Wuhan, zurückgeht. Regelmäßig schließen die Gesundheitsministerien beider Länder Aktionspläne für die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen. Zuletzt 2024 durch Prof. Karl Lauterbach und Dr. Haichao Lei. Der Austausch in Medizin, Pflege und Gesundheitswirtschaft wird durch deutsch-chinesisch und chinesisch-deutsche Vereinigungen intensiv gepflegt.

Bei der Krankenhausversorgung stehen beide Länder vor ähnlichen Fragen – etwa beim Management von Personal und Prozessen, der digitalen Transformation und der Daseinsvorsorge, verfolgen dabei aber unterschiedliche Lösungswege.

Mit dem 2. Deutsch-Chinesischen Krankenhaustag wollen wir eine Plattform schaffen, auf der sich Krankenhausvertreter, politische Entscheider und Expertinnen und Experten beider Länder über Ideen austauschen und Kontakte pflegen können. Das Programm enthält Einblicke in die Ergebnisse der Delegationsreise „Experience Chinese Medicine“ nach Peking und Guangzhou, einen Praxisbericht zu KI und Digitalisierung im chinesischen Krankenhausmanagement sowie ein Forum zu den praktischen Fragen des Markteintritts in das jeweils andere Land. Am Nachmittag lassen wir den Krankenhaustag und die Medica beim Get together mit #Gesundheit und dem Netzwerkertreffen „Healthcare“ entspannt ausklingen.

Ich freue mich sehr, dass dieser Austausch beim 48. Deutschen Krankenhaustag (DKT) auf einer der größten Medizinmessen der Welt sichtbar wird. Mein persönliches Highlight beim Krankenhaustag ist übrigens und schon immer das Krankenhausfinanzierungsforum am Montag. In diesem Jahr dürfte es bei Dr. Frank Heimig vom InEK im Geburtsland der Leistungsgruppen sicher ziemlich voll werden.

Wodurch zeichnet sich das System der Krankenhausversorgung Chinas aus?

China zählt rund 38 000 Krankenhäuser mit über acht Millionen Betten für 1,4 Milliarden Menschen. Vertragsärztliche Versorgung findet größtenteils in den Krankenhäusern statt. Die großen Häuser in den Provinzhauptstädten fungieren als Maximalversorger für ihr Umland mit großer Anziehungskraft. Bei 12 000 ambulanten Patienten pro Tag kann es im durchschnittlichen 3 000-Betten-Haus auch mal hektisch werden.

Das System ist dreistufig aufgebaut: Primärversorgung, also Gemeinde- und Dorfkliniken, Sekundärversorgung auf Kreis- und Regionalebene, Tertiärversorgung durch Fach- und Universitätskliniken. Während rund 12 000 öffentliche Häuser den Großteil der Behandlungen erbringen, wächst der private Sektor rasant – mittlerweile gibt es doppelt so viele private wie öffentliche Kliniken.

Die Krankenhausausgaben beliefen sich zuletzt auf rund 700 Mrd. US-Dollar – bei etwa 1 400 Mrd. US-Dollar Gesundheitsausgaben. Tendenz: steigend. Das System wird durch eine öffentliche Krankenversicherung getragen, ergänzt durch Zusatzversicherungen mit Anbindung an das Beschäftigungsverhältnis und private Zuzahlungen.

Finanziert wird zunehmend über ein DRG-ähnliches System („Diagnosis-Intervention Packet“, DIP), das seit 2021 schrittweise eingeführt wird. Damit lässt sich mit chinesischen Krankenhausdirektoren heute ebenso gut über CMI-Entwicklung und Verweildauerreduktion sprechen wie mit deutschen.

Chinas Wirtschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten einen rasanten Aufstieg erlebt. Auch im Gesundheitssystem?

Das Gesundheitswesen ist Teil dieses Aufschwungs. In den goldenen Zwanzigzwanzigern hat China Milliarden in medizinische Infrastruktur und Medizintechnik investiert, die Gesundheitsausgaben mehr als verfünfzehnfacht. Neue, oft mit deutscher Technik ausgestattete Kliniken entstanden und entstehen im ganzen Land.

China hat erkannt, dass ein starkes Gesundheitssystem nicht nur gesellschaftliche Stabilität schafft, sondern auch die Binnennachfrage stärkt. Der Fokus liegt nun auf dem Ausbau der ländlichen Versorgung und der Stärkung von Reha und Pflege. Mit dem nationalen „Healthy China Action Plan 2030“ verfolgt China das Ziel, die Lebenserwartung bis 2030 auf 79 Jahre zu steigern und die Sterblichkeit durch nichtübertragbare Krankheiten deutlich zu senken.

Hat die Volksrepublik China vergleichbare Probleme (zum Beispiel Demografie, Fachkräftemangel) wie Deutschland?

Ja, und in noch größerer Dimension. Bereits heute leben in China rund 150 Millionen Menschen über 67 Jahre. Bis 2035 wird diese Zahl auf fast 300 Millionen steigen – mehr als ganz Westeuropa Einwohner hat. Das bedeutet: steigende Zahlen chronischer Erkrankungen, wachsender Pflegebedarf und massiver Bedarf an Fachkräften.

Zudem bestehen regionale Unterschiede in der Versorgung. Während in Städten moderne Hightech-Medizin verfügbar ist, fehlen auf dem Land oft noch Ärzte, Pflegekräfte und Ausstattung. Hinzu kommt die Herausforderung einer nachhaltigen Finanzierung bei gleichzeitig wachsender Nachfrage.

Wie wird dort versucht, diese Probleme zu lösen?

Neben zahlreichen Reformen, etwa zum Ausbau der Primärversorgung und zur Hierarchisierung – also „first diagnosis in community“, begegnet China diesen Herausforderungen mit einer bemerkenswerten Technologie-Offenheit: durch den Aufbau digitaler Versorgungsnetzwerke und die Nutzung von KI und Robotik in Diagnostik und Pflege. Diese Ansätze werden zunehmend auch für westliche Systeme interessant.

Welche Chancen bietet der chinesische Gesundheitsmarkt für europäische bzw. deutsche Unternehmen?

Während “Made in Germany” im Automobilsektor in China an Glanz verliert, genießen deutsche Qualitätsstandards und Managementkompetenz im Gesundheitswesen hohes Ansehen.

Neben den klassischen Bereichen wie MedTech und Digital Health entstehen in der jüngeren Vergangenheit in einigen Regionen des Landes Freihandelszonen für das Gesundheitswesen, die gezielt um ausländische Investitionen in den Krankenhausbetrieb werben. Der Aufbau stationärer Strukturen nach deutschen Qualitäts- und Managementstandards ist ausdrücklich willkommen. Ein solcher Schritt bietet Marktpotenziale, sollte allerdings strategisch sorgfältig geplant und begleitet werden.

Und welche Chancen hat der deutsche Markt für chinesische Unternehmen zu bieten?

Für die chinesische MedTech-Industrie ist Deutschland ein besonders interessanter Markt – anspruchsvoll, aber mit hohem Prestige. Die Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Hersteller steigt rasant und erreicht zunehmend internationales Qualitätsniveau.

Mit der enormen Zahl an Behandlungsfällen in China werden künftig nicht nur chinesische Chirurgen, sondern auch chinesische KI-Modelle – etwa zur medizinischen Bildanalyse - mit weit größeren Datenmengen trainiert sein. Ein Chefarzt kommt dort mitunter auf 1 000 Whipple Operationen im Jahr.

Parallel wächst in Deutschland das Interesse an Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) – sichtbar etwa durch das neu gegründete Competence Center for Traditional and Integrative Medicine an der Berliner Charité und das Bekenntnis zur Integrativen Medizin im Koalitionsvertrag. China betrachtet die TCM als medizinisch-kulturelles Exportgut, das mit moderner Forschung künftig auch Antworten auf Präventions- und Versorgungsfragen westlicher Industriestaaten liefern soll.

Im Rahmen des Deutsch-Chinesischen Krankenhaustages wird ein Projekt für Integrative Medizin an sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen (iSÜVs) vorgestellt. Könnten Sie ein paar Stichworte dazu vorab verraten?

Die Idee entstand im vergangenen Jahr auf dem Deutschen Krankenhaustag. Inspiriert durch den Besuch einer Krankenhausdelegation aus Guangzhou bei einer von Deutschlands ältesten Kliniken für Naturheilkunde und Integrative Medizin in Essen-Steele, entstand der Gedanke, integrative Ansätze der chinesischen Medizin für sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen in Deutschland weiterzuentwickeln. iSÜVs - wie wir sie nennen - sind mit ihrem medizinisch-pflegerischen Leistungsspektrum prädestiniert, Akutmedizin, Reha und Pflege besser mit Prävention zu verzahnen. Ein Grundgedanke der TCM, Krankheit gar nicht erst entstehen zu lassen, Schwachstellen im Körper gezielt zu erkennen und stärken, liefert dazu den gedanklichen Unterbau. Das Projekt wollen wir auf dem DCKT einmal zur Diskussion stellen.

Sie kennen China gut. Was fasziniert Sie persönlich am „Reich der Mitte“?

Mein erster fachlicher Kontakt war 2018 im Rahmen eines Vortrags zur Krankenhausfinanzierung und der anschließenden Einweihung des Deutsch-Chinesischen Freundschaftskrankenhauses in Wuhan.

Pragmatismus, Geschwindigkeit und Größe sind beeindruckend, aber auch die Motivation der Menschen, dazuzulernen und sich zu verbessern. Das Land, seine Kultur und die Menschen kennenzulernen, ist fachlich wie persönlich bereichernd und wärmstens zu empfehlen. Zum Beispiel beim Deutsch-Chinesischen Krankenhaustag am 20. November in Düsseldorf  - auch ganz ohne Langstreckenflug.