Anna Bella Mona Rosendahl, Mitbegründerin der Initiative „Pflege gegen Rechts“. Foto: privat
Wie kam es zu der Initiative „Pflege gegen Rechts“?
Die Initialzündung war das Treffen von Rechtsextremen in Potsdam Ende 2023, wo über Pläne zur Deportation oder „Remigration“ beispielsweise von Menschen mit Migrationshintergrund oder Fluchtgeschichte diskutiert wurde. Der Impuls kam damals durch eine Freundin und Kollegin Petra Krause, Pflegedirektion am Evangelischen Klinikum Bethel, die eine Tochter mit Behinderung hat. Sie hat einer kleinen privaten WhatsApp-Gruppe ihre Ängste geäußert hierzu. Das war der Funke, wir wollten einfach etwas tun gegen das Erstarken rechtsextremer Tendenzen.
Wir wollen die Menschen insbesondere in Pflegeberufen sensibilisieren, ermutigen und mobilisieren gegen Rechtsradikalismus und Rassismus. Und wir wollen uns klar und unmissverständlich positionieren gegen Menschenfeindlichkeit und rechtsextremes Gedankengut. Es geht uns darum, dazu nicht zu schweigen, dagegen anzugehen, wenn diese Aktivitäten und Äußerungen verharmlost werden. Wir wollen dem etwas entgegensetzen nach dem Grundsatz „Wehret den Anfängen!“
Ist die Pflege für solche Initiativen in besonderer Weise prädestiniert?
Die Achtung eines jeden Menschen, unter der Wahrung seiner Individualität, sind Grundpfeiler unseres Berufsverständnisses in der Pflegeprofession. In diesem Beruf arbeiten Menschen aus aller Welt, mit ganz unterschiedlichen Identitäten und Lebensentwürfen, dies spiegelt sich auch in den Menschen wider, die wir versorgen. Insofern ist unsere Berufsgruppe schon prädestiniert für dieses Engagement.
Wir sehen auch eine besondere ethische Verantwortung der Pflegeberufe selbst. Rechtsextreme Überzeugungen sind unvereinbar mit unserem Beruf. Trotzdem gab es beispielsweise die „Braunen Schwestern“, die etwa Rassismus, Antisemitismus und Euthanasie mitgetragen haben. Wir sehen uns in der Verantwortung, unseren Standpunkt ganz klar zu machen: Der Pflegeberuf ist mit Rassismus und anderen Formen der Diskriminierung unvereinbar.
Gab es Widerstände?
Ja, die gab und gibt es durchaus. Unsere Beiträge auf Instagram und anderen Social Media-Kanälen wurden immer wieder offensiv von Rechten sehr negativ kommentiert. Auch von Kolleg*innen gab es Anmerkungen und einzelne Stimmen, die diese Konflikte fürchten oder Distanz zeigten.
Wer ist Zielgruppe Ihrer Initiative? Wen wollen Sie ansprechen?
Es ist ein gesamtgesellschaftlicher Appell. Wir zielen mit unserer Kommunikation auf professionell Pflegende wie auf andere gesellschaftliche Gruppen. Wir wollen allen Menschen Mut machen, sich gegen rechts zu positionieren.
Sehen Sie bereits Erfolge Ihres Engagements?
Das Problembewusstsein wächst. Immer mehr Kolleg*innen unterstützen unsere Initiative, treten gegen Rassismus und Diskriminierung ein. Auf dem Deutschen Pflegetag Anfang November 2024 hatten wir ein Podium, bekannte Persönlichkeiten aus der Berufspolitik wie etwa Sandra Postel als Präsidentin der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen oder auch Menschen aus Gewerkschaften oder Berufsverbänden sind Teil unserer Initiative. Daran erkennt man, dass der Gedanke gegen Rechtsextremismus übergeordnet und gemeinsam gedacht wird und werden muss, um Faschismus entgegenzutreten. Die größte Angst von Faschist*innen liegt in gesellschaftlicher Solidarität und Zusammenhalt, deshalb versuchen sie, uns durch das Sähen von Ängsten zu spalten. Deswegen ist sehr ermutigend, wenn sich immer mehr Menschen klar gegen Diskriminierung und Rassismus engagieren.
Machen professionell Pflegende selbst Erfahrungen mit Rassismus? Kann Ihre Initiative als Anlaufstelle helfen?
Ja, auch professionell Pflegende sind von Rassismus betroffen oder von anderen Diskriminierungen. In Pflegeberufen bildet sich die ganze Vielfalt der Gesellschaft ab – sie ist bunt. Wenn Kolleg*innen hier belastende, herabsetzende Erfahrungen machen, können wir durchaus auch Ansprechpartner sein und Hilfe vermitteln. Wir sind auch ein Hilfsnetzwerk und haben professionell Pflegende unter uns, die selbst Erfahrungen mit Diskriminierung und strukturellem Rassismus gemacht haben. Hier gibt es Erfahrungsaustausch, Unterstützung und Hilfe.
Wie verhalten Sie sich gegenüber Menschen mit Pflegebedarf, die beispielsweise rassistische Ressentiments äußern oder rechtsextreme Gedanken äußern?
Wir sagen ganz klar: In Menschen mit Pflegebedarf, in unserem Gegenüber sehen wir immer einen Menschen. Das unterscheidet uns ja gerade von Faschist*innen und Rechtsradikalen. Unabhängig von seinen Überzeugungen sind wir verpflichtet, jeden Menschen zu pflegen. Auf der anderen Seite müssen wir aber natürlich Kolleg*innen schützen, die von Menschen mit Pflegebedarf beispielsweise rassistisch angegangen werden.
Wie geht es weiter?
Wir stehen gegen Diskriminierung und soziale Benachteiligung jeder Art. Es geht darum, Gleichberechtigung in allen Belangen zu unterstützen und zu fördern. Auch in Bezug auf die Bundestagswahl appellieren wir an die Menschen, sich bewusst zu werden, was es bedeuten würde, gerade im Gesundheitswesen, wenn wir die von Ausgrenzung und Diskriminierung betroffenen Fachkräfte wirklich verlieren würden.
Wie stehen Sie zu der Diskussion über syrische Kolleginnen und Kollegen im Gesundheitswesen und ihre forcierte Rückkehr nach Syrien?
Wie das Thema Migration im Wahlkampf ausgespielt wird, ist beschämend. Ohne diese Kolleginnen und Kollegen wären wir aufgeschmissen. Auf der anderen Seite finde ich es aber auch inhuman, die Menschen aus Syrien und von anderswo nur im Hinblick auf den Fachkräftemangel, als Problemlöser hierfür zu sehen.
Anna Bella Mona Rosendahl, Mitbegründerin der Initiative „Pflege gegen Rechts“. Foto: privat
Das Gespräch führte Katrin Rüter