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Editorial

Strategische Pfeiler der Resilienz


Die sicherheitspolitische Lage Europas hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Konflikte an den Außengrenzen, hybride Bedrohungsszenarien und zunehmende geopolitische Spannungen fordern nicht nur militärische Antworten, sondern verlangen nach einem umfassenden gesellschaftlichen Resilienzkonzept. Krankenhäuser nehmen in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle ein – als unverzichtbare Institutionen der Gesundheitsversorgung, als kritische Infrastruktur und als operative Drehscheiben im Ernstfall.

Spätestens mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ist deutlich geworden, dass Verteidigung nicht mehr ausschließlich Aufgabe der Streitkräfte ist. Der Schutz der Zivilbevölkerung, die Aufrechterhaltung zentraler Versorgungsstrukturen und die Widerstandsfähigkeit unseres Gesundheitssystems rücken ins Zentrum einer gesamtstaatlichen Sicherheitsarchitektur. Für Kliniken bedeutet dies: Sie sind selbst systemrelevant im Sinne der Landes- und Bündnisverteidigung.

Resilienz ist kein Zufall, sondern das Ergebnis strukturierter Vorbereitung. Genau hier liegt unsere Verantwortung als Führungskräfte im Krankenhauswesen. Es reicht nicht aus, im Krisenfall reagieren zu wollen – wir müssen vorbereitet sein. Das beginnt bei der physischen Infrastruktur: Notstromversorgung, redundante Systeme, sichere Kommunikationswege und Schutzräume müssen überprüft, ertüchtigt und in realistischen Szenarien getestet werden. Doch Resilienz endet nicht bei Mauerwerk und Technik.

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Cybersicherheit. Kliniken sind längst Zielscheibe gezielter Angriffe geworden – nicht nur durch kriminelle Organisationen, sondern zunehmend auch durch staatlich gesteuerte Akteure. Die Ausfallsicherheit digitaler Systeme, der Schutz sensibler Patientendaten und die Aufrechterhaltung der Steuerungsfähigkeit im Cyberangriff sind keine Option, sondern Pflicht. Hier gilt es, technische Maßnahmen mit personeller Kompetenz und klaren Reaktionsplänen zu verbinden.

Auch die Logistik gerät im Verteidigungsfall schnell an ihre Grenzen. Versorgung mit Medikamenten, Blutprodukten, Treibstoffen oder Schutzmaterialien ist nur dann gewährleistet, wenn im Vorfeld belastbare Lieferketten aufgebaut und alternative Szenarien mitgedacht wurden. Kliniken müssen Teil regionaler und nationaler Versorgungsketten sein – mit definierten Zuständigkeiten und Schnittstellen zu Behörden, Hilfsorganisationen und Bundeswehr.

Nicht zuletzt steht das Personal im Fokus: Wer führt im Krisenfall? Welche Teams sind geschult für Extremsituationen? Wie wird psychologische Unterstützung organisiert? Und wie gelingt es, medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten, wenn Mitarbeitende selbst betroffen oder gebunden sind? Die Resilienz einer Klinik ist untrennbar mit der Belastbarkeit und Klarheit ihrer Führungsstrukturen verknüpft.

Zentral für eine wirksame Vorbereitung ist auch die gezielte Erweiterung spezieller Versorgungsangebote, aber auch die resiliente Absicherung der Infrastruktur insgesamt – basierend auf den realistischen Bedrohungsszenarien, auf die sich das Gesundheitswesen einstellen muss. Dazu zählen im Speziellen die Einrichtung von Kapazitäten für die Behandlung großflächiger Verbrennungen, Traumaversorgung, die Bevorratung von Antidoten oder auf biologische Gefahrenlagen. Es geht aber auch um eine resiliente Infrastruktur für den normalen Klinikbetrieb zur Sicherstellung der Versorgung für die Zivilbevölkerung. Diese Strukturen lassen sich nicht im Alltagsbetrieb aufbauen, sondern erfordern gezielte und verlässliche Investitionen – in Ausstattung, bauliche Voraussetzungen, Ausbildung und Forschung. Ohne politisch flankierte Mittelbereitstellung und klare Planungsgrundlagen wird diese sicherheitsrelevante Versorgungsdimension nicht zu erreichen sein.

Klar ist: Kein Krankenhaus kann diese Herausforderungen allein stemmen. Gefragt ist ein strukturierter, systematischer Prozess unter Einbindung aller relevanten Akteure – von Trägern über Ministerien bis hin zu kommunalen Strukturen. Es braucht Szenarien, Übungen, gesetzliche Klarstellungen und vor allem: ein gemeinsames Bewusstsein für die strategische Bedeutung der Krankenhäuser im Verteidigungsfall.

Krankenhäuser sind keine passiven Zuschauer in sicherheitsrelevanten Lagen – sie sind aktive Bestandteile der Resilienz unseres Gemeinwesens. Diese Verantwortung anzunehmen, bedeutet, heute die Voraussetzungen für morgen zu schaffen.

Dr. Gerald Gaß, Vorstadtsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft e.V. (DKG)