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Editorial

Ein Neuanfang mit Verantwortung


Foto: DKG/Lopata

Mit der Ernennung von Carsten Linnemann zum Bundesgesundheitsminister beginnt ein neues Kapitel der Gesundheitspolitik. Ein Ministerwechsel eröffnet die Chance, Prioritäten neu zu setzen und dort nachzusteuern, wo Entscheidungen der vergangenen Monate nicht die gewünschte Wirkung entfaltet haben. Diese Chance sollte genutzt werden.

Das deutsche Gesundheitswesen steht an einem Wendepunkt. Die Krankenhausreform hat einen tiefgreifenden Strukturwandel angestoßen, dessen Ziel eine qualitativ hochwertige und langfristig tragfähige Versorgung ist. Dieses Ziel teilen die Krankenhäuser ausdrücklich. Reformen können jedoch nur gelingen, wenn sie auf einer wirtschaftlich stabilen Grundlage umgesetzt werden.

Genau daran fehlt es derzeit. Mit den jüngsten Beschlüssen des GKV-Beitragsstabilisierungsgesetzes verschärft sich die wirtschaftliche Lage vieler Krankenhäuser weiter. Immer mehr Einrichtungen fehlt der finanzielle Spielraum, notwendige Veränderungen aktiv zu gestalten. Aus einem politisch gewollten Strukturwandel droht so ein ungeordneter Substanzverlust zu werden. Wo wirtschaftliche Zwänge über die Zukunft von Standorten entscheiden, entstehen keine neuen Versorgungsstrukturen – vielmehr wachsen Versorgungslücken und Verunsicherung in der Bevölkerung.

Deshalb braucht es jetzt eine Gesundheitspolitik, die Strukturreformen und wirtschaftliche Stabilisierung zusammen denkt. Die Modernisierung der Krankenhauslandschaft darf nicht an fehlenden finanziellen Voraussetzungen scheitern. Reform braucht Planungssicherheit, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, gemeinsam mit Ländern, Krankenhäusern und Beschäftigten tragfähige Lösungen zu entwickeln.

Gleichzeitig muss der Blick auf das gesamte Versorgungssystem gerichtet werden. Die Krankenhäuser haben ihre Veränderungsbereitschaft vielfach bewiesen. Nun müssen auch die übrigen Bereiche des Gesundheitswesens konsequent weiterentwickelt werden. Die überfällige Notfallreform gehört endlich umgesetzt. Ebenso wichtig ist es, die ambulanten Potenziale der Krankenhäuser stärker zu nutzen. Eine moderne Gesundheitsversorgung orientiert sich nicht an Sektorengrenzen, sondern an den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten.

Eine Schlüsselaufgabe der kommenden Jahre bleibt der konsequente Bürokratieabbau. Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte verbringen einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit Dokumentationspflichten, deren Nutzen häufig in keinem angemessenen Verhältnis zum Aufwand steht. Wer dem Fachkräftemangel wirksam begegnen will, muss den Beschäftigten Zeit für ihre eigentliche Aufgabe zurückgeben: die Versorgung der Menschen. Entbürokratisierung ist deshalb keine Nebensache, sondern eine der wirksamsten Reformen überhaupt. Carsten Linnemann hat in der Vergangenheit immer wieder konsequente Entbürokratisierung gefordert. „Einfach mal machen“, so sein Credo. Jetzt hat er die Chance, dies im Gesundheitswesen in die Tat umzusetzen.

Gesundheitspolitik ist zugleich Innovations- und Wirtschaftspolitik. Krankenhäuser sind nicht nur Orte der Versorgung, sondern Zentren medizinischer Innovation. Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz werden sie eine Schlüsselrolle übernehmen – als Partner für Forschung und Industrie, als Anbieter hochwertiger Gesundheitsdaten und als Orte, an denen neue digitale Anwendungen entwickelt und in die Versorgung gebracht werden. Daraus können leistungsfähige Innovationsökosysteme entstehen, die medizinischen Fortschritt fördern und zugleich die technologische Souveränität Europas stärken.

Die Aufgaben für den neuen Bundesgesundheitsminister sind groß. Sie reichen von der wirtschaftlichen Stabilisierung der Krankenhäuser über die Weiterentwicklung der Krankenhausreform und die Umsetzung der Notfallreform bis hin zu Digitalisierung und Bürokratieabbau. Gleichzeitig bietet diese Situation die Chance, eigene Akzente zu setzen und neues Vertrauen zu schaffen.

Die Krankenhäuser sind bereit, diesen Weg konstruktiv mitzugehen. Sie erwarten jedoch einen verlässlichen politischen Rahmen, der Veränderungen ermöglicht, statt sie durch wirtschaftliche Unsicherheit zu verhindern. Weniger Bürokratie, stabile Finanzierung, mehr Innovation und eine konsequent am Bedarf der Patientinnen und Patienten ausgerichtete Versorgung – daran wird sich der Erfolg der Gesundheitspolitik in den kommenden Jahren messen lassen.