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Der Senkrechtstarter


Er ist im Turbogang in den Politikbetrieb gestartet: Prof. Dr. Hendrik Streeck, Wissenschaftler, Mediziner, CDU-Bundestagsabgeordneter und Drogenbeauftragter der Bundesregierung. Foto: David Peters

Porträt über Prof. Dr. Hendrik Streeck, Bundestagsabgeordneter im Gesundheitsausschuss, Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen und Virologe 

Im strömenden Sommerregen steht Prof. Dr. Hendrik Streeck in Berlin Kreuzberg auf dem Oranienplatz, als ihn ein Drogenabhängiger in ein Gespräch verwickelt. Der Mann will Streeck überzeugen, dass mit Hilfe Künstlicher Intelligenz nahezu alle Probleme der Gesellschaft gelöst werden könnten. Streeck hört dem Drogenkonsumenten geduldig zu, ist höflich und zugewandt. Der Wissenschaftler zeigt weder Starallüren noch hat er Berührungsängste. Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe, kennt Streeck schon einige Jahre und sagt über ihn, er habe ein „gutes Herz“. Er schätze Streeck als einen sehr wissenschaftlich denkenden Menschen. Seine Herangehensweise an das Drogenthema sei unaufgeregt, er habe keine ideologischen Vorbehalte. Streeck sagt über sich selbst: „Ich bin ein Menschenfreund.“

An diesem 21. Juli 2025, dem Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende, findet im Kreuzberger Kiez eine Veranstaltung statt, organisiert von einem Aktionsbündnis. Streeck hält an diesem Nachmittag die Eröffnungsrede in seiner Funktion als Drogenbeauftragter der Bundesregierung. Der Hochschulmediziner ist Spezialist für HIV und Aids und hat in Substitutionspraxen gearbeitet.

Diesen Posten des Bundesdrogenbeauftragten hat Streeck direkt nach seinem ersten Einzug im März 2025 in den Deutschen Bundestag erhalten. Die Position kommt der eines Staatssekretärs gleich. Streeck ist ein Senkrechtstarter.

Bei der Bundestagswahl 2025 klappte sein Einzug in das höchste deutsche Parlament klappte auf Anhieb mit seiner ersten Kandidatur. Im November 2023 kündigte Streeck seine Bewerbung um ein Mandat für die CDU im Wahlkreis Bonn bei der Bundestagswahl 2025 an. Als Direktkandidat trat er an und holte das Mandat mit 33,3 % der Erstimmen.

Im Gesundheitsausschuss des 21. Deutschen Bundestages gehört er nun als ordentliches Mitglied dazu und zählt zu den Neulingen im Ausschuss. Im Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung ist er stellvertretendes Mitglied. In der Bundespolitik ist der Christdemokrat neu, im Gesundheitswesen kennt sich der 48-jährige Mediziner, der seit Herbst 2019 Nachfolger von Prof. Dr. Christian Drosten auf dem Lehrstuhl für Virologie am Universitätsklinikum Bonn ist, dagegen aus. Vielen ist der Name Hendrik Streeck spätestens seit der Coronapandemie ein Begriff. Der Hochschulmediziner war in zahlreichen Talkshows, Podcasts und Nachrichtensendungen und zudem Mitglied des „Expertenrates Corona“ der Bundesregierung und in NRW. Während der Pandemie war er einer der gefragtesten Experten in Deutschland und für manche war er auch einer der umstrittensten.

Für Schlagzeilen sorgte zum Beispiel 2020 Streecks Cluster-Studie über die Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg, welche Daten zur Ausbreitung des Sars-CoV-2-Virus erhob. Vermutlich ausgehend von einer Karnevalssitzung kam es dort zu einem ersten deutschen Epizentrum der Pandemie. 1 007 Studienteilnehmer aus 405 Haushalten wurden vom 30. März bis 6. April sechs Wochen nach dem Ausbruch der Infektion befragt und getestet. Im Zentrum der Studie stand die Sterblichkeitsrate der Infektion (sogenannte Infektionssterblichkeit, infection fatality rate, IFR). „Mit unseren Daten kann nun zum ersten Mal sehr gut geschätzt werden, wie viele Menschen nach einem Ausbruchsereignis infiziert wurden“, sagte Studienleiter Streeck damals. Laut Studie waren das 15 % für die Gemeinde Gangelt. Die IFR für den Ausbruch in der Gemeinde Gangelt lag bei 0,37 %.

Dem damaligen Ministerpräsidenten von NRW, Armin Laschet (CDU), empfahl Streeck auf Grundlage seiner sogenannten „Heinsberg-Studie“, Beschränkungen für die Bevölkerung zurückzunehmen. Prompt hagelte es Kritik.

Schon kurz nach der Präsentation der Studie äußerte Prof. Christian Drosten, Chef-Virologe der Charité und ebenfalls bekannter Virologe, Zweifel. „Da wird einfach so wenig erklärt, dass man nicht alles versteht", sagte er. Kritisiert wurde in der Öffentlichkeit sowie in Medienberichten außerdem, dass Streeck seine Studie von der PR-Agentur StoryMachine begleiten und über Social-Media-Kanäle verbreiten ließ (eine allerdings inzwischen nicht unübliche Praxis in der Wissenschaft). Die Agentur wurde unter anderem vom ehemaligen Bild-Chef Kai Diekmann gegründet. Die SPD-Politikerin Sarah Philipp stellte eine Kleine Anfrage an die NRW-Landesregierung und fragte, wer die Studie denn finanziert hat. Demnach zahlte die Landesregierung für die Heinsberg-Studie mehr als 65 000 €.

Eine weitere Studie unter Streecks Leitung ermittelte den Immunisierungsgrad der Bevölkerung. Am 13. Oktober 2022 wurden Zwischenergebnisse dieser Forschung veröffentlicht, nach der bereits 95 % der Bevölkerung gegen das Coronavirus Antikörper besitzen.

Die Rivalen Streeck und Drosten

Während der Pandemie sprach sich Streeck mal für Lockerungen der Maßnahmen und mal (auch rückblickend) für härtere Lockdowns aus. Grundsätzlich stand Streeck als Mitglied des „Team Freiheit“ damals vor allem dem Chefvirologen der Charité, Christian Drosten, gegenüber, der dem „Team Vorsicht“ repräsentierte.

Einige distanzierten sich und bezeichneten Streeck, der einmal gepostet hatte, das herkömmliche Influenzavirus sei gefährlicher als das Coronavirus, als „Schwurbler“ oder „Querdenker“. Andere bewunderten den Mut des Bonner Virologen, der in ihren Augen unbequeme Wahrheiten aussprach. Auch beim Thema Impfung blickte Streeck kritisch zurück. Es sei ein Fehler gewesen, dass der Schutz vor einer Infektion nach vorne gestellt worden sei. Das habe die Erwartungen hochgeschraubt, durch den Impfstoff werde die Pandemie beendet. Dafür seien aber die initialen klinischen Studien nicht ausgerichtet gewesen. Falsch sei auch der Umgang mit Ungeimpften gewesen. „Man hat sie zum Teil ausgegrenzt, diffamiert, diskreditiert. Man hat ihnen die Schuld an dieser Pandemie gegeben. Das war einfach falsch“, sagte Streeck der Frankfurter Rundschau. Vehement fordert er heute eine Auseinandersetzung mit der Coronazeit und hat selbst unter anderem mit seinem Buch „Nachbeben. Die Pandemie, ihre Folgen und was wir daraus lernen können“ einen Versuch gestartet.

Die Anfang Juli 2025 vom Bundestag beschlossene Aufarbeitung durch eine Enquetekommission könne nur ein erster Schritt sein, sagt Streeck. Jeder Bereich, sei es die Wissenschaft, die Medien, die Politik und die Gesellschaft, sollte diese Zeit und das eigene Tun für sich kritisch hinterfragen, meint er. In der Enquetekommission wünscht er sich Mitglieder, die in der Coronazeit nicht als Entscheider und wichtige Stimmen im Mittelpunkt standen. 

In der Coronazeit reifte bei Streeck der Wunsch, in die Politik zu gehen. Anfang 2017 war er in die CDU eingetreten und in den Bonner Kreisvorstand gewählt worden. Streeck sagt: „Ich bin vom Herzen her Arzt.“ Sein Bedürfnis, Menschen zu helfen, sei in der weltweiten Gesundheitskrise politisch geworden. Infektionskrankheiten würden immer vor allem Menschen treffen, die am wenigsten zum Leben hätten. In der zweiten Hälfte der Pandemie sei man auf die berechtigten Sorgen und Nöte dieser Ärmsten nicht mehr eingegangen, kritisiert Streeck.

Und was verbindet ihn mit der CDU? „Unser Land ist auf christlichen Werten aufgebaut“, sagt er. Diesen bröselnden christlichen Kitt der Gesellschaft zu stärken, das verwirkliche für ihn am ehesten noch die CDU. Auch Wirtschaftskompetenz sieht er eher bei der Union. Dem Magazin Spiegel erzählte Streeck einmal, dass er an einem geselligen Weinabend bei Jens Spahn (CDU) den CDU-Mitgliedsantrag unterschrieb.

Von der Musik zur Medizin

Der gebürtige Göttinger stammt aus einem Akademikerhaushalt. Streecks Mutter Annette Streeck-Fischer ist Kinder- und Jugendpsychiaterin und lehrt als Professorin an der International Psychoanalytic University Berlin. Sein Vater, Ulrich Streeck, war Psychiater und Soziologe und lehrte an der Georg-August-Universität Göttingen. Nach dem Abitur studierte er zunächst Musikwissenschaft und BWL in Berlin. Als Student wollte er zuerst Filmmusikkomponist werden. Später wechselte er in die Humanmedizin.

Die wissenschaftliche Laufbahn des Virologen führte ihn unter anderem in die Vereinigten Staaten von Amerika ins Walter-Reed-Militärkrankenhaus in Silver Spring, Maryland, USA, wo er die Immunologie des U.S. Military HIV Research Program (MHRP) leitete. Zudem war er als Lehrbeauftragter an der Bloomberg School of Public Health der Johns Hopkins University tätig. 2016 startete Streeck ein Doktorandenprogramm mit dem Instituto Nacional de Saude in Mosambik, um junge Ärzte mit der HIV-Forschung vertraut zu machen.

Damals lernte Streeck seinen heutigen Mann Paul Zubeil kennen, der inzwischen im Bundesgesundheitsministerium (BMG) für das Thema „internationale und europäische Gesundheitspolitik“ zuständig ist.

Streeck sagt: „Wir sind Kollegen.“ Seitdem Streeck als Drogenbeauftragter der Bundesregierung tätig ist, fährt er bisweilen zusammen mit seinem Ehemann zur Arbeit ins BMG. Damit der Vorwurf der Vetternwirtschaft nicht aufkommt, hält sich Streeck nach eigenen Angaben im Gesundheitsausschuss des Bundestages komplett raus, wenn es um internationale Gesundheitsprojekte geht.

Streeck selbst hat inzwischen vier Schreibtische: einen im BMG, einen im Wahlkreisbüro, einen im Bundestag und einen Schreibtisch im Klinikum in seinem Institut in der Bonner Uniklinik mit Arbeit für seine Vorlesungen. Die Tätigkeit darf er laut Abgeordnetengesetz des Bundes noch weiter ausüben. Vor allem die Wochenenden verbringt der Infektiologe im Bonner Institut. Dem Spiegel sagte Streeck, während der Pandemie sei er „politikverdrossen“ gewesen. Tatsächlich hat man den Eindruck, dass gerade die Coronazeit für Hendrik Streeck neue Chancen eröffnet hat, vor allem bezogen auf seine politische Karriere.

Tanja Kotlorz