Stellten das Gutachten zu Investitionsmaßnahmen zur Resilienz deutscher Krankenhäuser vor: Joachim Odenbach, Dr. Gerald Gaß (DKG), Prof. Dr. Boris Augurzky (hcb), Dr. Karl Blum (DKI). Foto: krü
Krankenhäuser sollen krisentauglich werden: DKG stellt Gutachten zum Investitionsbedarf zur Stärkung der Resilienz deutscher Krankenhäuser vor
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat in Berlin eine umfangreiche Studie vorgestellt, die erhebliche Investitionen und zahlreiche politische Entscheidungen anmahnt, um die Krankenhäuser krisenresilient zu machen. Mit der Untersuchung hat die DKG das Institute for Health Care Business (hcb) und das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) beauftragt. Die veränderte Sicherheitslage in Europa und Deutschland hat weitreichende Auswirkungen auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, auch auf die Krankenhäuser. Begriffe wie Kriegstauglichkeit und Resilienzstärkung sind plötzlich wieder Teil der öffentlichen Debatte.
Das Gutachten untersucht drei zentrale Szenarien: Cyberangriffe und Sabotageakte, den Bündnisfall, also die Verteidigung eines Nato-Mitglieds gegen einen Angriff einschließlich der Versorgung verletzter Soldaten aus Bündnisstaaten sowie den Verteidigungsfall, also die direkte Verteidigung Deutschlands und die Behandlung eigener Verwundeter. Im Fokus der Analyse stehen die erforderlichen Maßnahmen der Krankenhäuser zur Vorbereitung auf die unterschiedlichen Szenarien und die damit verbundenen Investitionen und die jährlichen Betriebskosten, die zur Umsetzung der notwendigen Maßnahmen anfallen würden. Diese betreffen die bauliche, technische und personelle Resilienz der Krankenhäuser. Dazu gehören bauliche Anpassungen und der Ausbau geschützter Räume, eine sichere Energieversorgung, IT- und Kommunikationssicherheit sowie der Schutz der Infrastruktur durch Sicherheitsdienste. Ebenso geht es um die personelle Vorbereitung, also zusätzliche Schulungen und Fortbildungen, insbesondere für chirurgisches und traumatologisches Personal.
DKG fordert nationale Strategie
Dem aktuellen Gutachten zufolge werden allein 2,7 Mrd. € benötigt, um die Resilienz im Fall von Cyberangriffen und Sabotage herzustellen. Um im Bündnisfall gewappnet zu sein, liegt der Investitionsbedarf der Kliniken bei 4,9 Mrd. €, im Verteidigungsfall bei 14 bis 15 Mrd. €. Klar ist, dass diese Maßnahmen nicht kurzfristig umgesetzt werden können. Es braucht Priorisierung und einen klaren Stufenplan, um bis 2027 wesentliche Fortschritte zu erzielen.
„Unsere Analysen zeigen, dass deutsche Krankenhäuser in ihrer derzeitigen Struktur nur eingeschränkt krisen- und verteidigungsfähig sind“, sagt DKI-Vorstand Dr. Karl Blum. „In fünf zentralen Bereichen – Personal, Cybersicherheit, physische Sicherheit, Lagerhaltung für medizinische Vorräte und Vorbereitung auf biologische, chemische und nukleare Bedrohungen – bestehen erhebliche Schwächen. Aktuelle Krankenhausalarm- und Einsatzpläne decken zwar zivile Katastrophen ab. Es fehlt aber an Konzepten für militärische Bedrohungen mit klaren Zuständigkeiten und ausreichender Finanzierung“, so Blum.
Eingeschränkt krisen- und verteidigungsfähig: Baubeschleunigungsgesetz gefordert
Kurzfristig müssten in allen Szenarien vor allem die IT- und Kommunikationssicherheit verbessert sowie der direkte Schutz der Krankenhäuser durch Sicherheitsdienste und Objektschutz gewährleistet werden, hieß es bei der Vorstellung des Gutachtens am 28. Oktober. Ebenso dringend erforderlich sei der Aufbau personeller Resilienz durch gezielte Fortbildungen und die Nutzung geschützter Arbeits- und Behandlungsräume. Langfristig müssten auch bauliche Konzepte mitgedacht werden, etwa der Neubau von Krankenhäusern mit geschützten unterirdischen Operationsbereichen, wie sie beispielsweise in Finnland bereits existieren. „Allerdings brauchen diese baulichen Maßnahmen viel mehr Zeit zu ihrer Umsetzung. Daher ist auch hier ein Start in naher Zukunft geboten“, so hcb-Geschäftsführer Prof. Boris Augurzky. „Zudem müssen wir das Bauen grundsätzlich deutlich beschleunigen. Ein Aggressor wartet nicht ab, bis wir die Unmenge an Bauvorschriften geprüft haben.“ Augurzky empfiehlt ein Baubeschleunigungsgesetz nach dem Vorbild des LNG-Beschleunigungsgesetzes für den Einsatzes verflüssigten Erdgases, das im Mai 2022 in nur zehn Tagen das Gesetzgebungsverfahren fast vollständig durchlaufen hatte. Die anzustrebende bauliche Resilienz beinhaltete den Schutz des Krankenhauses, den Aufbau und die Nutzung geschützter Räume und die Ausweitung der Lagerhaltung. Als Vorbilder nannte Augurzky Krankenhäuser in Finnland und Israel, die in riesigen Bunkeranlagen den Krankenhausbetrieb rasch unterirdisch fortführen können.
Auch personelle Resilienz müsse aufgebaut werden. Diese umfasse die Expertise des Personals für Krisenfälle. Dafür sei eine Zusatzausbildung für chirurgisches und traumatologisches Personal sicherzustellen, etwa eine Weiterbildung zur Disaster Nurse. Sämtliches Personal sei durch Schulungen beispielsweise in Sachen Triage, für chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahren (CBRN) und Kommunikation im Ernstfall vorzubereiten, Reservekräfte wie ehemalige Mitarbeiter, Reservisten und Freiwillige mit Übungen, Bereitschaftspläne und Rufsysteme einzubeziehen.
Täglich 1 000 Verwundete
Im Nato-Bündnisfall würden die bis zu 1 000 Verwundeten täglich, die in Deutschland zu versorgen wären, durch den Sanitätsdienst der Bundeswehr gesteuert auf Kliniken unterschiedlicher Versorgungsstufen verteilt. Der Sanitätsdienst, der für die weltweite medizinische Versorgung der deutschen Streitkräfte verantwortlich ist, verfügt dann über das Anweisungs- und Belegungsrecht ziviler Krankenhäuser.
Eine Triage, die Versorgungsprioritäten im Falle einer militärischen Auseinandersetzung zuungunsten ziviler Patienten setze, sei in deutschen Krankenhäusern nicht vorstellbar, sagt Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der DKG. Die Bundeswehr-Krankenhäuser würden sich dann wohl nur noch Patienten aus dem militärischen Versorgungsbedarf, behandeln. Kliniken für die Schwerstverletztenversorgung (VAV), Universitätskliniken und Maximalversorger seien durch hohe Zahlen an Schwerstverletzten dann stark gefordert. Es müsse in diesem Fall eine funktionierende Kaskaden-Patientensteuerung geben, weil zivile Patienten stärker von anderen Krankenhäusern aufgefangen werden müssten. „Eine grundsätzliche Entscheidung, das zivile Patienten nachrangig behandelt würden gegenüber Militärangehörigen, kann ich mir für deutsche Krankenhäuser nicht vorstellen“, so Gaß weiter: „In den Krankenhäusern sind wir gefordert, allein nach medizinischen Gesichtspunkten zu entscheiden und entsprechende Prioritäten zu setzen.“
„Resilienz und Sicherheit müssen zu festen Bestandteilen der Krankenhausplanung werden“
„Resilienz und Sicherheit müssen zu festen Bestandteilen der Krankenhausplanung werden, die aktuell in allen 16 Bundesländern ansteht. Sie sind ein essenzieller und existenzieller Teil der nationalen Daseinsvorsorge“, sagt Dr. Gerald Gaß. Diese Investitionen und Maßnahmen könnten und dürften nicht isoliert betrachtet werden. Sie sollten integraler Bestandteil der Krankenhausreform und des damit verbundenen Strukturwandels sein. Während die Anforderungen an Krankenhäuser stetig steigen, stünden aktuelle Sparmaßnahmen und Fehlanreize – etwa die Streichung der Mehrbegünstigungsklausel oder die unausgereifte Vorhaltefinanzierung – im Widerspruch zu der dringend notwendigen Sicherheitsstrategie. „Wir brauchen Verlässlichkeit und endlich einen gesamtgesellschaftlichen und finanziell hinterlegten Plan zur Stärkung der Krankenhausresilienz. Das unkontrollierte Krankenhaussterben darf nicht weiter befördert werden“, fordert Gaß. Katrin Rüter
Wir brauchen Verlässlichkeit und endlich einen gesamtgesellschaftlichen und finanziell hinterlegten Plan zur Stärkung der Krankenhausresilienz. Das unkontrollierte Krankenhaussterben darf nicht weiter befördert werden“, fordert Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der DKG.